Speisepilze und Giftpilze
Die die meisten Menschen wohl am meisten interessierende Eigenschaft der verschiedenen Pilze ist ihre Auswirkung auf die Gesundheit. Zum einen sind Pilze seit Jahrtausenden fester Bestandteil des Speiseplanes vieler Völker, zum anderen ist die Giftigkeit einzelner Arten für einige Volksgruppen (wie z.B. die Engländer) der Anlass den Pilzen generell skeptisch gegenüber zu stehen.

Dafür besteht jedoch kein Grund. Von den über 5000 bekannten mitteleuropäischen Arten sind nur ca. 150 als Giftpilze identifiziert. Davon wiederum wirkt nur eine gute handvoll teilweise tödlich. So ist der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) für 90 % der Vergiftungen mit Todesfolge verantwortlich. Bereits 60 Gramm des frischen Pilzes sind für einen Erwachsenen tödlich. Während anfangs des Jahrhunderts noch nahezu jede Vergiftung mit ihm den sicheren Tod bedeutete, ist heute dank Früherkennung und Intensivtherapie die Mortalität auf ca. 10-15 % gesunken. Schnelles Handeln ist hierbei besonders wichtig, da die ersten Symptome erst nach 8-24 Stunden auftreten und dann das Gift sein tödliches Werk schon fast vollendet hat.

Ein anderer, ebenfalls sehr gefährlicher Giftpilz macht sich erst 2-17 Tage nach der verhängnisvollen Mahlzeit bemerkbar, so dass oftmals der Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem Pilzgericht nicht einfach herzustellen ist. Es handelt sich hierbei um den Orangefuchsigen Schleierling (Cortinarius orellanus) und Verwandte, dessen lebensgefährliche Giftigkeit erst 1957 entdeckt wurde als es in Polen zu einer rätselhaften Massenerkrankung mit vielen Toten kam. Das Gift zerstört die Nieren, weshalb heute durch eine eventuelle Transplantation das Leben des Patienten gerettet werden kann.

Manche der Pilzgifte haben merkwürdige Eigenschaften. So wirkt das Gift des Faltentintlings (Coprinus atramentarius) nur in Verbindung mit Alkohol: Wird zur Mahlzeit oder bis zu 3 Tagen danach Alkohol getrunken, so stellen sich Vergiftungssymptome wie Herzrasen, Übelkeit und Kopfschmerzen ein. Einige Pilze enthalten rauschgiftähnliche Substanzen. Beispielsweise wirkt das in einigen Psilocybe-Arten (z.B. Psilocybe semilanceata) vorkommende Psilocybin ähnlich wie LSD und wurde in Mexiko zu religiösen Zwecken benutzt. Auch heute noch werden diese Pilze dort wo sie reichlich vorkommen eifrig gesammelt. Der allseitsbekannte Fliegenpilz beinhaltet ebenfalls berauschende Substanzen, die jedoch zu teilweisen unangenehmen Nebenwirkungen neigen. Trotzdem wurde auch er zu rituellen Anlässen gegessen (z.B. in Sibirien). Er ist jedoch keinesfalls tödlich wie es vielfach noch geglaubt wird.

Auch in neuerer Zeit werden noch Giftpilze entdeckt: Der nur in Japan vorkommende Pilz Clitocybe acromelalga führt nach über einer Woche zu schmerzhaften Schwellungen der Hände und Füsse. Amanita smithiana greift Leber und Niere durch ein unbekanntes Gift an. Galerina sulcipes wirkt bereits in kleinsten Mengen tödlich. Alle diese Pilze kommen in Europa aber nicht vor. Trotzdem gilt: Hände weg von unbekannten Arten. Noch ist längst nicht jeder finstere Geselle enttarnt.

Die giftigen Arten werden aber durch die Vielzahl der guten Speisepilze mehr als aufgewogen und wer aus Angst vor Vergiftungen auf den Genuss von Wildpilzen verzichtet, dem entgehen ganze Geschmackswelten. Meine Top 10 sind: Parasol, Krause Glucke, Herbsttrompete, Flockenstieliger Hexenröhrling, Schopftintling, Steinpilz, Pfifferling, Semmelstoppelpilz, Reifpilz, Feldchampignon. In einigen Arten wurden cholesterinsenkende und das Wachstum von Tumoren hemmende Stoffe nachgewiesen (z.B. im Shiitake). Überhaupt sind Pilze wahre Mini-Chemiefabriken, was sich schon allein an der Vielzahl der vorkommenden Gerüche zeigt. Es gibt kaum einen Duft, nachdem nicht irgendein Pilz riecht. Beispiele: Kokosflocken, Seife, Marzipan, Honig, Birnen, Chlor, Weihrauch, Anis, Veilchen, Wanzen, Maggi, Knoblauch, Hühnerstall, Sperma, Lokomotivendampf, Schweissfüsse, ...

Leuchtpilze
Wer sich nachts in den Wald traut, dem kann es passieren, dass er Stellen am Waldboden begegnet, die in einem grünlichen Licht leuchten Es sind dies vom Myzel des Hallimasch durchwachsene Holzstücke. Das Leuchten ist teilweise so hell, daß es früher von nordischen Völkern zur Wegmarkierung im Wald benutzt wurde.

In den Tropen ist dieses Phänomen wesentlich weiter verbreitet. Dort leuchtet nicht nur das Substrat auf dem die Pilze wachsen, sondern auch diese selbst (u.a. bei einigen Helmlingen (z.B. Mycena chlorophos) und beim Leuchtenden Ölbaumpilz) in teilweise hoher Intensität. In Indonesien haben junge Mädchen in früheren Zeiten sich solche Pilze in die Haare gesteckt, um des Nachts attraktiver zu erscheinen. Das Leuchten entsteht auf ähnliche Weise wie in Glühwürmchen und dient möglicherweise der Anlockung von Insekten zur Sporenverbreitung.

Parasiten und Räuber
Da Pilze im Gegensatz zu Pflanzen nicht in der Lage sind, mit Hilfe des Sonnenlichts Nährstoffe selbst zu synthetisieren, sind sie wie Tiere auf die Aufnahme organischen Materials angewiesen. Viele tun dies in dem sie tote Pflanzen und Tiere (eine Art wächst ausschliesslich auf Leichen und hat angeblich schon zur Aufklärung eines Mordes beigetragen) zersetzen. Andere leben in Gemeinschaft mit Pflanzen oder auch Tieren zu beiderseitigem Vorteil (viele unserer Waldbäume und alle Orchideen sind auf das Zusammenleben mit Pilzen angewiesen; einige Insekten züchten Pilze um sich von ihnen zu ernähren wobei der Pilz von den Insekten gepflegt und verbreitet wird).

Einige jedoch greifen das Leben ihrer Opfer direkt an. Ganze Fichtenschonungen wurden vom Hallimasch, dem Schrecken der Förster, vernichtet. Er macht sogar vor Kartoffeln nicht halt. Es gibt auch Pilze, die auf anderen Pilzen wachsen. Mit etwas Glück kann man einen Kartoffelbovisten finden, der vom Parasitischen Röhrling befallen ist. Aus dem runden Fruchtkörper des Bovists spriessen die Hüte des Angreifers, der mit dem bekannten Maronenröhrling verwandt ist.

Arten aus der Gattung Cordyceps (Beispiel: Cordyceps australis) befallen neben anderen Pilzen auch lebende Insekten, durchwachsen sie, und bilden ihre teilweise schön bunten Fruchtkörper auf der Insektenleiche aus. Einige Pilze gehen sogar aktiv auf Beutefang. Sie bilden an ihren Mycelien spezielle Fangvorrichtungen wie Schlingen oder klebrige Fäden aus, mit denen sie kleine Fadenwürmer einfangen und verdauen.

Sporenverbreitung
Pilze vermehren sich durch mikroskopisch kleine, widerstandsfähige Zellen, den Sporen. Durch ihre Kleinheit werden sie leicht durch den Wind verfrachtet, worauf sich auch die meisten Pilze verlassen, in dem sie die Sporen einfach fallen lassen. Es gibt jedoch auch andere Strategien. So schiesst der nur wenige Millimeter grosse Kugelschneller eine senfkorngrosse Sporenkugel mit hörbarem Knall mehrere Meter weit durch die Luft.

Die Stinkmorchel und ihre Verwandten betten die Sporen in einen nach Verwesung stinkenden Schleim, was in Verbindung mit teilweise blütenartigen Formen und Farben (z.B. Scharlachroter Gitterling) der Anlockung von Aasinsekten dient, die die Masse fressen und damit die Sporen verbreiten. Einen interessanten Artikel über die Geruch- und Farbstoffe der Stinkmorchel hat Tjakko Stijve verfasst.
Wieder andere machen sich den Sexualtrieb der Tiere zunutze, in dem diese unterirdisch wachsenden Pilze Sexuallockstoffe produzieren und die Tiere anlocken. Diese graben die Knollen dann aus und fressen sie. Da die Pheromone der Menschen und Tiere teilweise ähnlich sind, wurden solche Arten auch als Aphrodisiakum benutzt.

Die bekannten Stäublinge bilden im Inneren einer Gewebehülle eine riesige Menge an Sporen aus. Tritt nun ein Tier oder Mensch auf den Pilz, so entlässt dieser eine grosse Sporenwolke, die vom Wind aufgenommen und verbreitet wird.




©Georg Müller

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