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Kind und Pilz/ Krempling

Huperzia ⌂, (vor 9250 Tagen)

Hallo,

Ich hab weiter unten den Beitrag vom 7.11.2000 nochmal reinkopiert, über den hier im Forum, aber mehr im Chat geredet wurde, als ich meinen Beitrag "Was hättet ihr gemacht" geschrieben hatte.
Wie giftig ist ein Kahler Krempling roh und ist es wirklich so falsch, was die Klinik in diesem Falle unternommen hat?
Was sollte man machen, wenn jemand - ob Kind oder erwachsener - einen Krempling gegessen hat? Was, wenn er roh war und was, wenn gekocht? Wie gefährlich ist er roh?

Viele Grüße,

Tanja

Hier der Beitrag vom 7.11.:

An alle Eltern, seit gewarnt!

Diese Geschichte: 'Kleines Kind knabbert undefinierbaren Pilz' kenne ich nur zu gut!
Auch unser Joscha, im zarten Alter von 18 Monaten, knabberte an einem strahlenden
Mai-Freitag, auf einem Hinterhofspielplatz in Hannovers Nordstadt an einem
schönen großen, äußerst hässlichen Pilz mit großen Lamellen (Der Pilz wurde in einer
kleinen Butterbrottüte verstaut und 'zum Zeigen eingesackt).
So berichtete meine Frau mir aufgeregt am Telefon meines Arbeitsplatzes, wobei
ich eigentlich gerade anfing, mich auf meinen Feierabend zu freuen:
Apotheker's Auskunft war ungenügend und der Kinderarzt war schon zu Hause.
Das waren die ersten Versuche meiner Frau, den Pilz zu enttarnen. Schließlich begab
sie sich unsicher mit Joscha in die Kinderklinik 'Auf der Bult', wo man den Pilz anhand einer
"Literaturrecherche" als Giftpilz bestimmte: "Kahler Kremling"
Ich hatte nie zuvor von diesem gemeinen Pilz gehört.
Man erklärte meiner Frau die möglichen Symtome, wie Nierenversagen,
Leberschäden und einen möglichen lebensbedrohlichen
Zustand binnen 24 Stunden. Also auf jeden Fall, meine Frau war am Telefon sehr
aufgeregt, was mich sofort zum Aufbruch zu besagten Krankenhaus veranlasste.
Dort angekommen und durchfragend nach meiner Familie, hörte ich Joscha schon
von weiten brüllen, wie ich es zuvor von ihm noch nicht kannte. Mit einer fetten
Kanüle im Arm (...Notzugang, ...wenn die Venen zusammenfallen...Lebensgefahr...; Zitat),
versuchte man gerade dem Kind ein Brechmittel mit Hife einer großen Spritze in den Hals
und somit in den Magen zu befördern, da alle vorherigen Versuche durch zu heftige
Gegenwehr gescheitert waren. Es mußte das Brechmittel sein, da es wohl "zum
Magenauspumpen bereits zu spät sei".
Tatlächlich wirkte das Mittel dann auch irgendwie und man untersuchte die ans
Tageslicht beförderte Flüssigkeit, sich einredend,
daß dort, kaum erkennbar zwar, Spuren des Giftpilzes sein.
Joscha war so erschöpft, daß er einschlief. Man brachte ihn 'auf Station' und
wir sollten nun noch mindestens 10 Stunden ausharren und hoffen das Joscha
diese Sache überlebt...
Nun konnte ich mich endlich ans Telefon hängen und versuchen, fernmündlichen
Rat einzuholen, was mir seitens des Kinderkrankenhauses anscheinend irgendwie
doch übel genommen wurde. Es gab ja noch den "corpus delicti" in der
Butterbrottüte. Ich fragte im Landesmuseum bei der Pilzsammelstelle
(kein Experte vorort) – Die Dame leitete mich aber weiter an die Leiterin dieser
Projektgruppe – Diese wiederum kannte einen Pilzexperten 20km von Hannover
entfernt – Dort erreichte ich nur die Lebensgefärtin, welche mir dann aber immerhin
die Telefonnummer der Giftnotrufzentrale in Göttingen (auch Pilze) gab – Dort erfuhr ich
dann von einem Netz von Pilzexperten, welche für einen bestimmten Einzugsbereich
zuständig sein – Ich rief die mir genannten Nummern an und erreichte dann
sogar einen Experten!
Der Mann war über meine kurze Schilderung der Ereignisse mehr als überrascht,
erklärte mir aber, er könne und dürfe keine fernmündlichen Auskünfte erteilen.
Viemehr erklärte er mir, das Kinderkrankenhaus 'Auf der Bult' hätte einen Kurier
oder ein Taxi mit dem zweifelsohne vorhandenen "Giftpilz" nach vorheriger
Anrufung des Pilzexperten-Netzes dorthinschicken müssen, um den Pilz zu
bestimmen und danach dann Maßnahmen zur Weiterbehandlung zu ergreifen.
"Dieses müsse der Klinik unbedingt bekannt gewesen sein" (Zitat-Pilzmensch).
Ich überzeugte den Experten, daß es bei meinem Sohn um "Leben und Tot" ging
und er gestattete mir, ihn aufzusuchen. Zum Glück war es nicht weit bis zum
"Bestimmungsort" und der nette Mensch erklärte mir den Pilz: "In der vermutlich
genossenen Menge, (es war ca. ein Fingerhut voll), extrem ungefährlich, mancherorts
als Speisepilz gesammelt, manchmal allergische Reaktionen bei größeren Mengen
in ungekochtem Zustand... .
... Hohlen sie also ihr Kind da 'raus!
So tat ich es dann auch bereitwillig, den Chefarzt der Kinderklinik zur Rede stellend.
Der Mann mußte sich erst 'schlau fragen' um mir dann mitzuteilen, seine Angestellten
hätten sich mit einer Literaturrecherche überaus richtig verhalten.
Auf das Beraternetz angesprochen bekam ich keine klare Antwort und eine Entschuldigung
für einmal "Eltern zu Tode erschrecken" gab es freilich auch nicht.
Die Sonne ging draußen langsam unter und ein sonniger Freitag war im Eimer!
Klein Joscha macht jetzt einen riesen Bogen um Pilze, leider, ich hoffe er hat kein
bleibendes Pilztrauma erlitten! Pilze können auch recht bekömmlich sein.

Ich wünsche allen Eltern viel Vergnügen
mit den "lieben Kleinen"
und ein dickes Fell!
Gruß! christian

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Re: Kind und Pilz/ Krempling

Mine-O, (vor 9250 Tagen) @ Huperzia

Hallo, Hupi.

In meinen Büchern steht ausdrücklich, daß der WIEDERHOLTE Verzehr Kahler Kremplinge (Paxillus involutus) nach Jahren zu Autoimmunreaktionen (also keine "allergische" Reaktion) führen KANN. Der früher als Speisepilz eingestufte Pilz hat eine zweite giftige von der ersten unabhängige Komponente: Er kann, vor allem wenn roh genossen, als starkes Brechmitteln wirken. (Diese Wirkung wäre hier wohl sogar erwünscht gewesen.;-))

Bei Kenntnis des Pilzes hätte ich hier als Verantwortlicher auch von jeglichen Maßnahmen abgeraten.

Mine-O

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Re: Kind und Pilz/ Krempling

Christoph Hahn, (vor 9250 Tagen) @ Mine-O

Hallo zusammen,

die Kremplinge haben zwei unabhängige Wirkstoffe (beide strukturell noch nicht bekannt). Zum einen gibt es eben die hier zitierte Allegie, die bei mehrfachem Genuss (gekocht) sehr gefährlich werden kann und nachweislich einige Todesfälle verursacht hat. Der letzte, den ich aus der Literatur kenne war Ende der 80er/ Anfang der 90er aus der Schweiz - tödlich! Die Symptome sind nicht lustig: Blutzersetzung, Hirnschäden, Leberschäden etc.
Dank der Aufklärung essen heute wenig Leute Kremplinge, daher gibt es auch nur wenige Fälle dieser allergischen Reaktion, die wohl ohne Vorwarnung (Übelkeit nach der Mahlzeit, bei der nächsten Mahlzeit noch schlimmer etc.) kommt.

Zweitens ist der Kahle Krempling auch roh giftig. Dieses Gift ist hitzeinstabil, im Gegensatz zu dem allergieauslösenden Stoff. Mir sind keine ernsten Vergiftungen durch rohe Kremplinge bekannt, aber das Gift soll ziemlich heftig wirken, und zwar gastro-intestinal (Brechdurchfall, Koliken etc.). Zum Glück schmecken Kremplinge roh derart grausig, dass das kaum vorkommt.

Ich bin kein Mediziner, daher kann ich mir schlecht ein Urteil über das Krankenhaus in Hannover erlauben. Allerdings ist es sicher richtig, das Kind unter Beobachtung zu stellen. Ob die Brechkur richtig war, dazu kann ich nichts sagen. Was auf alle Fälle gleich abgesichert werden muss, ist natürlich die genaue Bestimmung der Überreste...!
Gut das alles glimpflich ausging.

Ciao, Christoph

Hallo, Hupi.
In meinen Büchern steht ausdrücklich, daß der WIEDERHOLTE Verzehr Kahler
Kremplinge (Paxillus involutus) nach Jahren zu Autoimmunreaktionen (also
keine "allergische" Reaktion) führen KANN. Der früher als
Speisepilz eingestufte Pilz hat eine zweite giftige von der ersten
unabhängige Komponente: Er kann, vor allem wenn roh genossen, als starkes
Brechmitteln wirken. (Diese Wirkung wäre hier wohl sogar erwünscht
gewesen.;-))
Bei Kenntnis des Pilzes hätte ich hier als Verantwortlicher auch von
jeglichen Maßnahmen abgeraten.
Mine-O