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Ascofrage zu Zeitungsbericht *PIC*

HoBi, (vor 5994 Tagen)

Liebe Ascofreunde,

vor ein paar Tagen lasen wir folgenden Artikel in unserer Tageszeitung:

[image]

Es erschliesst sich uns allerdings nicht, um welches kleine weisse Stengelbecherchen es sich da
handelt. Sollte das Hymenoscyphus albidus sein? Kann uns da evtl. jemand auf die Sprünge helfen?
Das wär total nett ;-)

Vielen Dank und viele liebe Grüße von

Sabine & Holger

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Re: Ascofrage zu Zeitungsbericht

Wolfgang D. ⌂, (vor 5994 Tagen) @ HoBi

Hallo Sabine & Holger

ja klar handelt es sich um H. albidus bzw. um seine Anamorphe Chalara fraxinea.

Zum Thema "Eschentriebsterben" findet man inzwischen zahlreiche Literatur und Berichte, auch im Web, darunter zum Beispiel von Thomas Kirisits, der sich in Wien speziell damit beschäftigt:

http://www.waldwissen.net/themen/waldschutz/pilze_nematoden/bfw_krankheitszyklus_triebs...

oder hier ab Seite 21:

http://bfw.ac.at/400/pdf/fsaktuell_48.pdf

LG
Wolfgang

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Hymenoscyphus "pseudoalbidus"

Hermine1, (vor 5994 Tagen) @ HoBi

Hallo Sabine und Holger,

Dies ist, soweit ich informiert bin, Stand der "Wissenschaft": Das sogenannte "Eschentriebsterben" wird von Chalara fraxinea (beschrieben von Kowalski 2006 in Polen) verursacht, der Anamorphe von Hymenoscyphus albidus (Kowalski und Holdenrieder 2009). Da Hymenoscyphus albidus seit 1851 bekannt ist, und nie ernsthafte Probleme auftauchten wurde nachgeforscht: es hat sich herausgestellt, dass Hymenoscyphus albidus eine Schwesterart hat, die morphologisch äußerst ähnlich ist und wohl nur mittels Genanalyse zu erkennen ist. Die neubeschriebene Schwesterart von H. albidus wurde H. pseudoalbidus genannt und soll im Unterschied zu H. albidus stark krankheitserregend auf Eschen wirken. Dies wurde in einer Arbeit von Queloz et al. 2010 publiziert (Queloz et al. 2010, Cryptic speciation in Hymenoscyphus albidus. Forest Pathology). Darin wird auch diskutiert, warum - obwohl H. pseudoalbidus offenbar auch in der Vergangenheit schon in diversen Eschenstandorten vorhanden war - plötzlich diese "Epidemie" auftritt. Der Klimawandel scheint eine Rolle zu spielen, aber ich denke, das weiß man noch nicht so genau.

Viele Grüße von Hermine

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Re: Ascofrage zu Zeitungsbericht

HoBi, (vor 5993 Tagen) @ Wolfgang D.

Hallo Wolfgang,

tolle Links hast Du uns da geschickt, die wir mit Begeisterung gelesen haben!
Jetzt sind wir doch wieder etwas schlauer ;-)
Vielen Dank!

Liebe Grüße von

Sabine & Holger

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Re: Hymenoscyphus "pseudoalbidus"

HoBi, (vor 5993 Tagen) @ Hermine1

Hallo Hermine,

das hast Du ganz toll erklärt! H. albidus kennen wir, den hat uns Lothar vor
einigen Jahren mal gezeigt. Auch hier bei uns haben wir H. albidus danach
häufig gefunden und uns nun über den Artikel in der Zeitung gewundert.
Wir konnten das nicht so recht einordnen und haben dashalb diese Frage gestellt.
Wenn wir das richtig verstanden haben, handelt es sich bei H. pseudoalbidus
also um einen inperfekten Pilz (Nebenfruchtform) bzw. ein inperfektes Stadium
eines Pilzes. Bitte korrigiere uns, sollte das nicht stimmen.
Wir danken Dir recht herzlich für Deine ausführliche Erläuterung!

Viele liebe Grüße von

Sabine & Holger

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H. pseudoalbidus

Hermine1, (vor 5993 Tagen) @ HoBi

Hallo Ihr beiden,

danke für die Blumen :-)

Also: Hymenoscyphus pseudoalbidus und Chalara fraxinea sind Namen für die zwei bekannten unterschiedlichen Fortpflanzungsstadien ein- und desselben pilzlichen Organismus ( im Sinne von Mycel). Hymenoscyphus pseudoalbidus nennt man die Fruchtkörper, also das perfekte Stadium (= Teleomorphe), sie bilden sexuelle Sporen in Schläuchen, dazu ist wie bei den Blütenpflanzen zur Samenbildung ein Partner nötig. Die FK von H. pseudoalbidus sehen gleich aus wie H. albidus, den Euch Lothar gezeigt hat. Unterschiede bestehen offenbar zwischen den beiden Hymenoscyphus-Arten (beides perfekten Stadien) in der Sporengröße, aber die Maximal- bzw. Minimalwerte überschneiden sich, so dass es wohl schwierig ist, die Arten im Lichtmikroskop auseinanderzudividieren. Die beiden Pilze haben aber unterschiedliche "Gene". Solche Arten nennt man auch "kryptisch", weil eben oft eine Art durch sehr ähnliches Aussehen in der anderen "verborgen" ist. Im Feld kann man die beiden Arten nicht unterscheiden, vielleicht hat Euch Lothar ja auch H. pseudoalbidus gezeigt, das weiß man einfach nicht. Man könnte allerhöchstens vom Zustand der Eschen darauf schließen, ob es H. pseudoalbidus sein könnte - aber das ist blind geraten.

Chalara fraxinea wiederum heißt das imperfekte Stadium des gleichen Organismus, der unter anderen Umständen eben Hymenoscyphus pseudoalbidus-Fruchtkörper bildet. Der imperfekte Pilz bildet seine Sporen, salopp gesagt (und die Biologen werden mich töten), so wie eine Geranie ihre Ableger: einfach die gleiche Erbsubstanz wird weitergegeben. Das funktioniert hervorragend, um eine Art schnell und weit zu verbreiten, denn dabei entstehen Massen von Konidiosporen. Dieses Chalara-fraxinea-Stadium ist der eigentliche Krankheitserreger , an dem das Eschentriebsterben festgemacht wurde. Das ist übrigens bei Pflanzenparasiten oft so, dass die imperfekten Stadien (Anamorphe) auf der lebenden Pflanze entstehen (= sichtbar werden), während die perfekten Stadien dann im nächsten Frühjahr auf totem Material entstehen (z.B. Apfelschorf). Das Myzel durchwuchert die jungen Eschentriebe und entzieht ihnen die Nährstoffe. Wenn sich dann die Nebenfruchtform (=imperfektes Stadium = Anamorphe) bildet, sieht man eine Art schwarzen Schimmel, der irgendwann nur im Mikroskop sichtbare kleine Konidienträger bildet, die wie Minikanonen aussehen und nacheinander viele Sporen rausschießen - typisch für die Formgattung Chalara. Mikrobilder von im Labor kultivierten Chalara-fraxinea-Stadien könnt ihr sehen in:

www.waldwissen.net/themen/waldschutz/pilze_ne...

Ich hoffe, ich habe Euch jetzt nicht totgeworfen mit blabla, ich weiß auch nicht, ob Euch da nicht manches zu platt war. Meine Erfahrung aus meinen Mikroskopiertagen im Pilzverein ist halt, dass es sehr schwer ist, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Anamorphe und Teleomorphe, also perfektes Stadium und imperfektes Stadium,nur "Zustände" des gleichen Organismus sind. Da hat schon manche/r Zustände bekommen.

Lieben Gruß von Hermine

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Re: H. pseudoalbidus

Trametenlotti, (vor 5992 Tagen) @ Hermine1

Vielen Dank, Hermine für diesen interessanten Beitrag.

Hymensoscyphus albidus habe ich letztes Jahr oft gefunden, dass er aber einen solchen Zwillingsbruder hat, wusste ich bis jetzt nicht.

Ligrü
Lotte

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Jetzt hat es "Klick" gemacht! :-)

HoBi, (vor 5992 Tagen) @ Hermine1

Hallo Hermine,

nochmals vielen herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort! Da haben wir fast schon ein schlechtes Gewissen,
daß Du Dir soviel Arbeit mit unserer Anfrage gemacht hast.
Jedenfalls haben wir das alles jetzt wirklich und auch richtig verstanden (glauben wir zumindest erstmal...).
Und übrigens: auch wenn Deine Beispiele aus biologischer Sicht nicht ganz einwandfrei sein sollten - sie sind ungemein
plastisch und erleichtern uns das Verständnis sehr.

Viele liebe Grüße

Sabine und Holger

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Re: Jetzt hat es "Klick" gemacht! :-)

Hermine1, (vor 5992 Tagen) @ HoBi

Hallo allerseits,

dann bin ja zufrieden :-), der Zeitaufwand war halb so wild! Hab übrigens 2009 auch ganz viele Hymenoscyphus albidus (oder pseudoalbidus???) gefunden - die Eschen sahen alle aber ganz gut aus :-)

Gruß von Hermine

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Re: Jetzt hat es "Klick" gemacht! :-)

Till, (vor 5992 Tagen) @ Hermine1

Hallo, Hermine et al.,

da gibt es schon noch einige Ungereimtheiten. Hymenosyphus albidus habe ich schon vor 20 Jahren für einen der häufigsten Pilze überhaupt gehalten. Er kommt überall vor, wo Eschen auf halbwegs feuchten Böden stehen; oft sieht man Tausende von Apothezien in Bachtälern etc. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Eschen irgendwo flächendeckend den Geist aufgaben. Und dann las ich in einer Veröffentlichung im Bayer. Landwirtschaftl. Wochenblatt vom 29.5.09: "Der Schlauchpilz ... wurde in der Vergangenheit in weiten Landesteilen als sehr seltene Art angesehen." Eben nicht! Den hat niemand angesehen oder beachtet und nur deshalb war er "selten"...

Wenn es da wirklich einen Doppelgänger gibt,der nur genetisch unterscheidbar ist, dann zeigt das wohl die Zukunft der Pilzbestimmung: Ohne kleinen Gentest geht gar nichts mehr. Aber das wird sich über kurz oder lang automatisieren lassen, und dann kippen wir oben ein bisschen Pilzsubstanz hinein und bekommen unten eine hieb- und stichfeste Computerbestimmung...

Good night
Till

dann bin ja zufrieden :-), der Zeitaufwand war halb so wild! Hab übrigens
2009 auch ganz viele Hymenoscyphus albidus (oder pseudoalbidus???)
gefunden - die Eschen sahen alle aber ganz gut aus :-)
Gruß von Hermine

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Ja, ist auch bei mir häufig

Hermine1, (vor 5991 Tagen) @ Till

Hallo Till,

da hast Du ganz bestimmt recht, H. albidus ist häufig, zumindest in allen Eschenwäldern, die ich im Frühsommer besucht habe. Der Standort ist um diese Zeit für Pilzsammler oft nicht attraktiv, da wird nicht gesucht....

Und ja, natürlich gibt es mit immer weiter verfeinerten Untersuchungsmethoden auch differenziertere Ergebnisse. Da lasse ich mich nicht irre machen, denn wo ich mit meinen Hobby-Fähigkeiten, also Lichtmikroskopie und Literatur am Ende bin, steht dann eben eine Sammelart. Alles werden wir sowieso nie wissen :-) gut so!

Für mich ist auch die oft aus der Koinzidenz "Baumerkrankung/isoliertes Pathogen" abgeleitete Kausalität verführerisch einfach - ohne als Laie den Forstwissenschaftlern da die Ehre abschneiden zu wollen. Wer weiß, warum plötzlich diese Erkrankung auftritt, viele Erkrankungen von Bäumen sind bestimmt multifaktoriell und werden durch unterschiedlichste Umweltveränderungen mit ausgelöst. Vielleicht gabs den H. pseudoalbidus auch schon immer, die Ergebnisse aus der Schweiz lassen das ja auch vermuten, nur konnte er aus irgendwelchen Gründen vielleicht seine Pathogenität nicht entfalten. Es erinnert mich sehr an die Phytophthora-Diskussion.

Die Zukunft wird uns vielleicht schlauer machen!

Herzlichen Gruß von Hermine