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Form oder Varietät

KURT, (vor 9127 Tagen)

Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer Form und einer Varietät eines Pilzes? Gibts da eine genaue Definition? Da in den verschiedenen Pilzbüchern Unterschiede bestehen, frage ich mich manchmal, ob da der Autor nach eigenem Gutdünken entscheiden kann. Oder wo und wie wird festgelegt, ob einem Pilz der Artrang zusteht oder nicht? vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen.

mfG Kurt

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Re: Form oder Varietät

Andreas ⌂, (vor 9127 Tagen) @ KURT

Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer Form und einer
Varietät eines Pilzes? Gibts da eine genaue Definition? Da in den
verschiedenen Pilzbüchern Unterschiede bestehen, frage ich mich manchmal,
ob da der Autor nach eigenem Gutdünken entscheiden kann. Oder wo und wie
wird festgelegt, ob einem Pilz der Artrang zusteht oder nicht? vielleicht
kann mir da jemand weiterhelfen.
mfG Kurt

Hallo,

Eine Varietät ("var.") soll dann ausgewiesen werden, wenn sie 1 genetisch bedingtes Trennmerkmal zur Stammart aufweist. Eine Forma (abgekürzt "f.", nicht "fo.") dann wenn es sich um witterungsbedingte Abweichungen handelt, die nicht genetisch fixiert sind. Die Begriff der Unterart ("ssp." = Subspezies) wird im Prinzip für eine Varietät mit eigenem Verbreitungsareal verwendet.

Ein Beispiel wäre eine f. alba bei witterungsbedingt ausblassenden Fruchtkörpern aber eine var. alba bei einem genetisch fixierten Albino. Tritt das Albino nur in Amerika auf, in Europa aber nur rothütige Fruchtkörper, so könnte man in zwei Subspezies trennen.

Meiner Meinung nach ist die Ausweisung einer Forma nicht sinnvoll, was will damit schon zum Ausdruck gebracht werden? Dass es von einem rothütigen Täubling der in der Sonne steht auch weißhütige Exemplare gibt?

Festlegen tut die zu vergebenden Rangstufe derjenige der die neue Art/Varietät/Forma beschreibt ("spec./var./f. nov."). Oder derjenige, der eine bereits beschriebene Art zur Varietät einer anderen "degradiert" ("comb. et stat. nov.") oder eine bestehende Varietät zur Art "erhebt", ihr also einen eigenständigen Status zuerkennt ("stat. nov.").

Für die NEUBESCHREIBUNG einer Varietät oder Forma muss eine lateinische Diagnose geliefert werden (die meist nur aus der Zeile besteht "A typo differt ...") und ein Typusexemplar muss hinterlegt und zitiert werden, vorzugsweise in einem öffentlichen Herbar.
Für die UMKOMBINATION muss nur das Literaturzitat der Erstbeschreibung zitiert werden (das "Basionym"). Eine lateinische Diagnose und Typus entfällt, die Art/Varietät/Forma (das "Taxon") existiert ja bereits.
Alle taxonomischen Änderungen müssen in gedruckten Medien publiziert werden, die allgemein erreichbar sind. Also nicht im Internet, nicht auf Schallplatte und auch nicht auf einer Eintrittskarte zur Pilzausstellung.

Ob nachfolgende Mykologen die Statuseinschätzung eines Autors teilen oder nicht weist dann die Zukunft. Oft haben andere abweichende Auffassungen, daher auch der häufige Wechsel von Namen.
Ein Beispiel:
In der Gattung Amanita kommen Albinoformen recht häufig vor, die zumeist als var. alba einer entsprechenden Art beschrieben wurden. So gibt es eine Amanita phalloides var. alba, citrina var. alba, vaginata var. alba etc. etc.. Wenn jetzt jemand sich eingehender mit dieser Gattung beschäftigen würde und feststellen würde (rein hypothetisch!!), dass sich diese var. albas noch in weiteren Merkmalen von ihrer Stammart unterscheiden, z.B. in der Sporengröße oder irgendsowas, dann hätte er Grund, sie zur Art zu erheben. Dann würde Amanita phalloides var. alba zukünftig Amanita alba heißen. Das große Problem bei der Geschichte wäre aber, dass es bereits eine Amanita alba gibt und somit nicht noch weitere artverschiedene Pilze ebenfalls Amanita alba heißen können. Ist ja eigentlich logisch. Sie müssen also einen völlig anderen Namen erhalten, von mir aus Amanita albophalloides, albocitrina und albovaginata (falls diese Namen nicht auch schon belegt sind, sonst vielleicht Amanita kurtii, georg-muelleri, ... ;-) ).

Manchmal wird gemunkelt, dass sich ein Autor ohne eigentlich triftigen Grund eine noch nicht besetzte Rangstufe aussucht um eine Umkombination durchzuführen. Dann steht ja sein Autorenname hinter dem des Erstautors. Ich persönlich glaube nicht das solche Fälle zahlreich sind, wenn überhaupt vorkommend. In den allermeisten Fällen begründen die Umkombinierer ja ihren Schritt. Nur: BEWEISEN kann niemand was, nur Ansichten ARGUMENTIEREN. Und Ansichten muss man ja nicht teilen ....

Siehst Du jetzt etwas klarer oder hab' ich Dich noch mehr verwirrt?

Gruß,
Andreas

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Re: Form oder Varietät

KURT, (vor 9127 Tagen) @ Andreas

Hallo,
Eine Varietät ("var.") soll dann ausgewiesen werden, wenn sie 1
genetisch bedingtes Trennmerkmal zur Stammart aufweist. Eine Forma
(abgekürzt "f.", nicht "fo.") dann wenn es sich um
witterungsbedingte Abweichungen handelt, die nicht genetisch fixiert sind.
Die Begriff der Unterart ("ssp." = Subspezies) wird im Prinzip
für eine Varietät mit eigenem Verbreitungsareal verwendet.
Ein Beispiel wäre eine f. alba bei witterungsbedingt ausblassenden
Fruchtkörpern aber eine var. alba bei einem genetisch fixierten Albino.
Tritt das Albino nur in Amerika auf, in Europa aber nur rothütige
Fruchtkörper, so könnte man in zwei Subspezies trennen.
Meiner Meinung nach ist die Ausweisung einer Forma nicht sinnvoll, was will
damit schon zum Ausdruck gebracht werden? Dass es von einem rothütigen
Täubling der in der Sonne steht auch weißhütige Exemplare gibt?
Festlegen tut die zu vergebenden Rangstufe derjenige der die neue
Art/Varietät/Forma beschreibt ("spec./var./f. nov."). Oder
derjenige, der eine bereits beschriebene Art zur Varietät einer anderen
"degradiert" ("comb. et stat. nov.") oder eine
bestehende Varietät zur Art "erhebt", ihr also einen
eigenständigen Status zuerkennt ("stat. nov.").
Für die NEUBESCHREIBUNG einer Varietät oder Forma muss eine lateinische
Diagnose geliefert werden (die meist nur aus der Zeile besteht "A
typo differt ...") und ein Typusexemplar muss hinterlegt und zitiert
werden, vorzugsweise in einem öffentlichen Herbar.
Für die UMKOMBINATION muss nur das Literaturzitat der Erstbeschreibung
zitiert werden (das "Basionym"). Eine lateinische Diagnose und
Typus entfällt, die Art/Varietät/Forma (das "Taxon") existiert
ja bereits.
Alle taxonomischen Änderungen müssen in gedruckten Medien publiziert werden,
die allgemein erreichbar sind. Also nicht im Internet, nicht auf
Schallplatte und auch nicht auf einer Eintrittskarte zur Pilzausstellung.
Ob nachfolgende Mykologen die Statuseinschätzung eines Autors teilen oder
nicht weist dann die Zukunft. Oft haben andere abweichende Auffassungen,
daher auch der häufige Wechsel von Namen.
Ein Beispiel: In der Gattung Amanita kommen Albinoformen recht häufig vor,
die zumeist als var. alba einer entsprechenden Art beschrieben wurden. So
gibt es eine Amanita phalloides var. alba, citrina var. alba, vaginata
var. alba etc. etc.. Wenn jetzt jemand sich eingehender mit dieser Gattung
beschäftigen würde und feststellen würde (rein hypothetisch!!), dass sich
diese var. albas noch in weiteren Merkmalen von ihrer Stammart
unterscheiden, z.B. in der Sporengröße oder irgendsowas, dann hätte er
Grund, sie zur Art zu erheben. Dann würde Amanita phalloides var. alba
zukünftig Amanita alba heißen. Das große Problem bei der Geschichte wäre
aber, dass es bereits eine Amanita alba gibt und somit nicht noch weitere
artverschiedene Pilze ebenfalls Amanita alba heißen können. Ist ja
eigentlich logisch. Sie müssen also einen völlig anderen Namen erhalten,
von mir aus Amanita albophalloides, albocitrina und albovaginata (falls
diese Namen nicht auch schon belegt sind, sonst vielleicht Amanita kurtii,
georg-muelleri, ... ;-) ).
Manchmal wird gemunkelt, dass sich ein Autor ohne eigentlich triftigen Grund
eine noch nicht besetzte Rangstufe aussucht um eine Umkombination
durchzuführen. Dann steht ja sein Autorenname hinter dem des Erstautors.
Ich persönlich glaube nicht das solche Fälle zahlreich sind, wenn
überhaupt vorkommend. In den allermeisten Fällen begründen die
Umkombinierer ja ihren Schritt. Nur: BEWEISEN kann niemand was, nur
Ansichten ARGUMENTIEREN. Und Ansichten muss man ja nicht teilen ....
Siehst Du jetzt etwas klarer oder hab' ich Dich noch mehr verwirrt?
Gruß,
Andreas

Hallo Andreas,

Vielen Dank für die ausführlichen Erklärungen zu diesem Thema. Bestimmt sehe ich jetzt etwas klarer, wenigstens nach mehrmaligem Durchlesen! Ich sehe, die Sache mit den Rangstufen ist klar geregelt. Muss ja wohl auch!

Habe das Pilzforum seit kurzem entdeckt und finde es sehr interessant, was dazuführt, dass ich in letzter Zeit mehr vor dem Bildschirm sitze, aber auch häufiger im Wald herumstriele.

freundlich grüsst Kurt

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Re: Form oder Varietät

Andreas ⌂, (vor 9126 Tagen) @ KURT

Hallo Kurt,
Vielen Dank für die ausführlichen Erklärungen zu diesem Thema. Bestimmt sehe
ich jetzt etwas klarer, wenigstens nach mehrmaligem Durchlesen! Ich sehe,
die Sache mit den Rangstufen ist klar geregelt. Muss ja wohl auch!

Diese Regeln stehen im Botanischen Code, der bei jedem Botanischen Kongress überarbeitet wird. Er ist für die Taxonomie (die Wissenschaft der Benennung von Lebewesen) so was wie das BGB für unser Benehmen.
Klar geregelt ja, aber wie im richtigen Leben finden die Rechtsanwälte/Taxonomen stets so ihre Schlupflöcher, Interpretationsmöglichkeiten etc. und können sich so nach herzenslust mit ihren Kollegen über die Auslegung von Artikel 47a oder § 275 Absatz 8 herumstreiten.

Habe das Pilzforum seit kurzem entdeckt und finde es sehr interessant, was
dazuführt, dass ich in letzter Zeit mehr vor dem Bildschirm sitze, aber
auch häufiger im Wald herumstriele.

Schön dass es Dir hier gefällt! Und bei der Gelegenheit mal einen schönen Dank an Georg, der das alles ermöglicht!

Gruß,
Andreas