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Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5002 Tagen)

Hallo zusammen,

schwierige und wahrscheinlich schwer zu recherchierende Frage: Weiß jemand, wer den Geruchsvergleich "Leuchtgas" bei Tricholoma sulphureum zum ersten mal einbrachte? Ausschließen kann ich schon mal folgende zwei Autoren: Bulliard in seiner Erstbeschreibung ("kadaverartig"), Kummer in seinem Pilzführer ("fataler Geruch").

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

MartinB, (vor 5002 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

in der Wikipedia wird Leuchtgas mit Stadtgas gleichgesetzt: http://de.wikipedia.org/wiki/Stadtgas
Wenn dem so ist, kann ich die dortige Bemerkung "Dem Stadtgas wurde – ähnlich wie Acetylen – in geringsten Mengen deutlich nach Knoblauch riechendes Diphosphan zugesetzt, so dass unbeabsichtigtes Austreten daran erkannt werden konnte." durch eigene Erfahrung bestätigen. Vor vielen Jahren rief ich mal wegen eines eigentümlichen Geruchs im Treppenhaus die Stadtwerke an, ich fürchtete, daß Gas austritt. Der rheinische Experte, der daraufhin kam, schnüffelte kurz und meinte: "Dat is kein Jas, unser Jas riesch nach Knopplauch!" Es stellte sich dann heraus, daß irgendwo in einer anderen Wohnung im Haus eine vergessene Abwehrspraydose ausgelaufen war...
Vielleicht ist aber mit Leuchtgas aber auch Karbid gemeint, das früher für Leuchtzwecke (z.B. unter Tage aber auch in Fahrradlampen) verwendet wurde. (http://de.wikipedia.org/wiki/Karbidlampe) Das hat einen eigenartigen Geruch, den ich jetzt gar nicht beschreiben kann. Das ist zu lange her. Ich würde ihn höchstens wiedererkennen. "Kadaverartig" könnt ich mir aber gut vorstellen.

Herzlich

Martin

Hallo zusammen,
schwierige und wahrscheinlich schwer zu recherchierende Frage: Weiß jemand,
wer den Geruchsvergleich "Leuchtgas" bei Tricholoma sulphureum
zum ersten mal einbrachte? Ausschließen kann ich schon mal folgende zwei
Autoren: Bulliard in seiner Erstbeschreibung ("kadaverartig"),
Kummer in seinem Pilzführer ("fataler Geruch").
Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

MartinB, (vor 5002 Tagen) @ MartinB

Jetzt sehe ich gerade hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Calciumcarbid
daß der unangenehme Geruch von Karbid u.a auf den frei werdenden Schwefelwasserstoff zurückzuführen ist. Das würde doch auch gut den "sulphureum" erklären. Ich tendiere daher für "Leuchtgas"=Karbid

Grüße

Martin

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5002 Tagen) @ MartinB

Hallo Martin,

herzlichen Dank für Deine Recherchen und Gedanken zum Fall. Stadtgas muss nicht nach Knoblauch gerochen haben, es gab unterschiedliche Substanzen zur "Odorierung" von Stadtgas. Jeder Region hatte da ihr "Stadt-Gemisch". Es wurde z.B. auch Schwefelwasserstoff verwendet. Heute wird dem Erdgas ein Stoff beigemischt, der nach Acrylkleber riecht. Wichtig wäre, herauszufinden, wer den Vergleich als erster eingebracht hat, dann könnte man etwas besser eingrenzen. Wenn es Ricken war - was ich vermute - dann könnte es schon Stadtgas gewesen sein. In der Zeit hatte jede größere Stadt (Fulda) ein ausgedehntes Gasnetz für Stadtgas. Wie Karbid riecht, weiß ich auch nicht mehr. Mein Vater hatte auf Familien-Grillfesten noch Karbidlampen zur Beleuchtung verwendet, aber den Geruch kann ich nicht mehr "abrufen";-).

Grüßle
Jürgen

Jetzt sehe ich gerade hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Calciumcarbid
daß der unangenehme Geruch von Karbid u.a auf den frei werdenden
Schwefelwasserstoff zurückzuführen ist. Das würde doch auch gut den
"sulphureum" erklären. Ich tendiere daher für
"Leuchtgas"=Karbid
Grüße
Martin

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5002 Tagen) @ MartinB

Hi Martin,

habe da mal in meinen Chemie-Büchern nachgeschaut. Auch in Wikipedia steht, dass der typische Karbid-Geruch durch Verunreinigungen im Karbid verursacht wird, und hauptsächlich vom Phosphin (Phosphan) verursacht ist. Der Duft wird als Knoblauchig oder nach Fisch beschrieben. Dass mit "Leuchtgas" auch Karbid gemeint sein kann, habe ich nirgends finden können - mir scheint es auch ein bisschen unlogisch, einen festen, mineralischen Stoff, der abbrennt, als Gas zu bezeichnen. Dem Stadtgas wurde ausser Schwefelwasserstoff auch Mercaptane zugesetzt, und die könnten gut für die Schwefel-Note verantwortlich sein. Ich werde auf jeden Fall mal an einer Karbidlampe schnuppern. Wenn ich Stadtgas riechen will, muss ich wahrscheinlich nach China fliegen ;-))

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

UmUlmHerum, (vor 5002 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

falls Du mal wieder an Karbid schnüffeln willst, musst Du nur Deinen Kumpel Christian besuchen oder an meiner alten Karbidlampe riechen. Wir (ehem.) Höhlenforscher sind da immer noch ausgerüstet... Es müssen schon spezifische Verunreinugungen sein, die diesen typischen Geruch verursachen, weil reines Acetylen (wie ich vom Autogenschweißen weiss) gar nicht streng riecht.

Grüße - Rika

Wie Karbid riecht, weiß ich auch nicht mehr. Mein Vater hatte
auf Familien-Grillfesten noch Karbidlampen zur Beleuchtung verwendet, aber
den Geruch kann ich nicht mehr "abrufen";-).
Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

KARL, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen

Dem Stadtgas
wurde ausser Schwefelwasserstoff auch Mercaptane zugesetzt, und die
könnten gut für die Schwefel-Note verantwortlich sein.

Der Name Schwefel-Ritterling kommt von der Farbe und nicht vom Geruch.
Besser wäre daher Schwefelgelber Ritterling, wie schon in
Führ. Pilzk. (Zwickau): 133 (1871)

Zum Geruch kann ich nur sagen, dass Mercaptane, Schwefelwasserstoff,
Zusätze von Stadtgas oder Verunreinigungen aus Karbid zwar recht
wiederlich riechen, aber nie den stechenden Geruch des Schwefelgelben
Ritterlings haben.

Gruß Karl

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Gerhard Schuster ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo zusammen,
Leuchtgas entsteht duch Kohlevergasung. Es wurde früher zur Stadtbeleuchtung eingesetzt. Aufgrund seines gefährlichen Anteils an CO wird es aber schon sehr lange nicht mehr genutzt und der Geruch ist nicht mehr in aller Nase. Es riecht deutlich nach Steinkohle nur widerlicher und ich finde, dass Tricholoma sulphureum exakt den gleichen Geruch hat. Ich habe Leuchtgas mal im Studium gerochen. Mit den Geruchszusätzen des heutigen Erdgases zur Leckerkennung hat der Vergleich mit dem Pilzgeruch nichts zu tun.
Vermutlich stammt die Geruchsbeschreibung aus einer Zeit, als der Leuchtgasgeruch noch vielen geläufig war.
VG
Gerd

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ Gerhard Schuster

Hallo Gerd,

vielen Dank für Die Einschätzung des Geruches von Stadtgas! Das hilf mir sehr weiter. Ich glaube mittlerweile auch, dass mit Leuchtgas Stadtgas gemeint ist, und Adalbert Ricken wahrscheinlich diese Charakterisierung als erster eingebracht hat.

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ KARL

Hallo Karl,

Der Name Schwefel-Ritterling kommt von der Farbe und nicht vom Geruch.

Danke für Deinen Einwurf. Aber das wollte ich damit nicht sagen; mir ging es nur um die Geruchs-Charakterisierung "Leuchtgas". Ich las aber auch schon irgendwo, dass der Geruch des Schwefelritterlings "schwefelig" sein soll. Wo das stand, weiß ich aber nicht mehr.

Zum Geruch kann ich nur sagen, dass Mercaptane, Schwefelwasserstoff,
Zusätze von Stadtgas oder Verunreinigungen aus Karbid zwar recht
wiederlich riechen, aber nie den stechenden Geruch des Schwefelgelben
Ritterlings haben.

Ja, Schwefelwasserstoff riecht nach faulen Eiern, und Mercaptane gehen wohl auch in die Richtung. Ich denke mir, dass Stadtgas ja ein relativ komplexes Gemisch war, je nachdem, was da alles vergast wurde (Stein-, Braunkohle, Torf usw usf ...).

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ UmUlmHerum

Hallo Rika,

falls Du mal wieder an Karbid schnüffeln willst, musst Du nur Deinen Kumpel
Christian besuchen oder an meiner alten Karbidlampe riechen.

Danke! Werde ich mal bei Gelegenheit ausprobieren.

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Birgit, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

was nicht alles bei uns im Jäger- und Sammlerhaushalt rumsteht ;-). Da mein Mann früher auch in Höhlen rumgekrochen ist, gibts noch nen guten Vorrat an Karbid hier und ich hab meine Nase grad mal reingehalten. Der Geruch ist eindeutig knoblauchartig bzw. lauchartig und etwas stechend, wenig Ähnlichkeit zum Geruch des Schwefelritterlings. Ich kann bei Interesse mal was davon zur AMU mitnehmen, Christian hat glaub ich nix mehr.

liebe Grüße

Birgit

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Heinz Ebert ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

die Geruchsangaben bei Ricken sind nicht wirklich von ihm. Genau wie ich war Ricken ein starker Raucher mit eingeschränktem Geruchsempfinden. Er ließ daher immer seine Haushälterin an den Pilzen riechen, und "seine" Geruchsangaben stammen daher von IHR. Und Gerüche ganz allgemein werden ja auch individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen. Verschiedene Gerüche (zB Lokomotive) sind heute auch gar nicht mehr nachzuvollziehen.
Beste Grüße, Heinz Ebert

Hallo Gerd,
vielen Dank für Die Einschätzung des Geruches von Stadtgas! Das hilf mir sehr
weiter. Ich glaube mittlerweile auch, dass mit Leuchtgas Stadtgas gemeint
ist, und Adalbert Ricken wahrscheinlich diese Charakterisierung als erster
eingebracht hat.

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Stephan Weißer, (vor 5001 Tagen) @ Heinz Ebert

Gerüche ganz
allgemein werden ja auch individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Die Geruchsangaben in Pilzbüchern sind für mich nicht immer nachzuvollziehen. Wie das angegebene Original riechen die Pilze oftmals nicht, aber es ist freilich eine Hilfe, wenn man vor der Geruchsprobe im Feld weiß, was man eigentlich riechen sollte. Dann wird man für die vorliegenden Geruchskomponenten aufmerksamer.

Verschiedene Gerüche (zB Lokomotive) sind heute auch gar nicht mehr
nachzuvollziehen.

Wir sind eben eine Gesellschaft geworden, die immer mehr versucht, das Auftreten von markanten Gerüchen als Merkmale der "Unsauberkeit" zu vermeiden und zu unterdrücken. Da muss man sich nicht wundern, dass die Leute nichts mehr erriechen können. Wisst Ihr, was ziemlich witzig wäre: mal ein Pilz-Wochenendseminar zum Thema "Wahrnehmung und interpretation von Gerüchen bei Pilzen".

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Gerhard Schuster ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Stephan Weißer

Wisst Ihr, was ziemlich witzig wäre:
mal ein Pilz-Wochenendseminar zum Thema "Wahrnehmung und
interpretation von Gerüchen bei Pilzen".

...oder ein Pilzbuch mit Rubbelfeldern.

Bei manchen Beschreibungen von Pilzgerüchen bin ich auch völlig ratlos. Stachelbeer Täublinge wollen bei mir einfach überhaupt nicht riechen. Anistrichterlinge nehme ist dagegen schon aus einiger Entfernung wahr.
Da scheint wohl jeder etwas anders gestrickt zu sein.
VG
Gerd

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ Heinz Ebert

Hallo Heinz,

die Geruchsangaben bei Ricken sind nicht wirklich von ihm. Genau wie ich war
Ricken ein starker Raucher mit eingeschränktem Geruchsempfinden. Er ließ
daher immer seine Haushälterin an den Pilzen riechen, und
"seine" Geruchsangaben stammen daher von IHR.

Sehr interessant! Gibt es da Quellen dazu, dass das so war? Raucher haben ja tatsächlich einen etwas abgestumpften Geruchssinn ... aber ich glaube, man braucht keine besonders feinsinnige Nase, um den Gestank des Schwefelritterlings wahrzunehmen *g*

Und Gerüche ganz
allgemein werden ja auch individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Ja, so sagt man, aber ich glaube nicht so richtig daran; unser Geruchssinn ist einfach nur ziemlich "untrainiert", was nichtalltägliche Düfte anbelangt. Der Rest ist wohl auch eine "Geschmacksfrage" (Wird in der Sinnesphysiologie als "Hedonik" bezeichnet). Man darf das nicht miteinander verwechseln; also Geschmacksfrage (oder Beurteilung) und die Unfähigkeit bestimmte Stoffe riechen zu können.

Verschiedene Gerüche (zB Lokomotive) sind heute auch gar nicht mehr
nachzuvollziehen.

*g* Ja, da bin ich auch grad dran;-) Da würde mich interessieren, wer diesen Geruchseindruck in die Bestimmungsliteratur eingeführt hat - ich vermute dass es Moser war, aber das ist einfach sehr schwierig herauzubekommen, weil ja jeder vom anderen abkupfert;-)

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ Stephan Weißer

Hallo Stephan,

Wir sind eben eine Gesellschaft geworden, die immer mehr versucht, das
Auftreten von markanten Gerüchen als Merkmale der "Unsauberkeit"
zu vermeiden und zu unterdrücken. Da muss man sich nicht wundern, dass die
Leute nichts mehr erriechen können. Wisst Ihr, was ziemlich witzig wäre:
mal ein Pilz-Wochenendseminar zum Thema "Wahrnehmung und
interpretation von Gerüchen bei Pilzen".

Super Idee. Würde ich sofort mitmachen. Was Du oben schreibst, habe ich jüngst in einer Publikation über die "Kultur der Düfte" gelesen. Heute werden fast alle natürlichen Gerüche mit anderen, künstlichen Aromen überdeckt, sogar Nahrungsmittel. Körperdüfte ja sowieso.

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Heinz Ebert ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

"Geruchsangaben bei Ricken sind nicht wirklich von ihm. Genau wie ich war

Ricken ein starker Raucher mit eingeschränktem Geruchsempfinden. Er ließ
daher immer seine Haushälterin an den Pilzen riechen, und
"seine" Geruchsangaben stammen daher von IHR."

Sehr interessant! Gibt es da Quellen dazu, dass das so war?

Ja, die gibt es. Ich hab jetzt mal in seinen Blätterpilzen nachgesucht und nichts gefunden. In irgend einer anderen Publikation, vielleicht ein Nachruf oder einer noch späteren (evtl. Dr. Haas) war das nachzulesen, und ich glaube mich sogar daran zu erinnern, dass die Haushälterin Frl. Seidel hieß. In einer früheren Ausgabe des "Handbuch für Pilzfreunde" war eine mehrere Seiten lange Abhandlung über Gerüche bei Pilzen, und vielleicht war es auch da drin. Leider habe ich nicht die Zeit, das jetzt zu recherchieren. Vielleicht stoße ich rein zufällig mal darauf und werde Dir nachberichten.
Beste Grüße, Heinz Ebert

Hallo Heinz,
Sehr interessant! Gibt es da Quellen dazu, dass das so war? Raucher haben ja
tatsächlich einen etwas abgestumpften Geruchssinn ... aber ich glaube, man
braucht keine besonders feinsinnige Nase, um den Gestank des
Schwefelritterlings wahrzunehmen *g*
Ja, so sagt man, aber ich glaube nicht so richtig daran; unser Geruchssinn
ist einfach nur ziemlich "untrainiert", was nichtalltägliche
Düfte anbelangt. Der Rest ist wohl auch eine "Geschmacksfrage"
(Wird in der Sinnesphysiologie als "Hedonik" bezeichnet). Man
darf das nicht miteinander verwechseln; also Geschmacksfrage (oder
Beurteilung) und die Unfähigkeit bestimmte Stoffe riechen zu können.
*g* Ja, da bin ich auch grad dran;-) Da würde mich interessieren, wer diesen
Geruchseindruck in die Bestimmungsliteratur eingeführt hat - ich vermute
dass es Moser war, aber das ist einfach sehr schwierig herauzubekommen,
weil ja jeder vom anderen abkupfert;-)
Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Joschi Siembida ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Heinz Ebert

Hallo Heinz & Jürgen,

"Handbuch für Pilzfreunde"

im Band 2 Seite 41 (3. Auflage von 1986) steht:

"c) leuchtgasartig: Hauptkomponente ist Indol (HILBER 1968; ..."

und in der Literatur (Seite 90):

"HILBER, O.: Indol als Hauptkomponete des Geruches einiger Tricholoma-Arten und von Lepiota bucknallii. - Z. Pilzkd. 34 (1968): 153-158."

Mehr hab ich jetzt nicht gefunden.

In der Wikipedia gibts für die Recherche vielleicht auch interessante Informationen zu Indol.

Gruß Joschi

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Ricken und Gerüche

Heinz Ebert ⌂, (vor 5001 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen (und alle interessierte),

nun hat es mir doch keine Ruhe gelassen, und ich habe in meiner Bibliothek gestöbert. Auf den letzten leeren Seiten meines "Moser" habe ich viele Notizen gemacht und jetzt unter "Ricken" nachgeschaut und unter "Gerüche". Dabei bin ich jetzt auf das "Mykologische Mitteilungsblatt Halle", Ausgabe 16 (1972), Heft 1 gestoßen. Da findet sich auf den Seiten 30 bis 34 ein Aufsatz von Dr. Erich Pieschel/Dresden "Zum 50. Jahrestag des Todes von Pfarrer Dr. Adalbert Ricken". Auf Seite 32 ist dann folgende Passage, die ich hier zitiere:
"Nur hinsichtlich des Geruchs der Pilze sind seine Angaben oft ungenau (vgl. Bach in Myk.Mitt.Bl.2: 7-16, 1958), weil er keinen guten Geruchssinn besaß, sondern sich hierbei auf seine Nichte, Frl. Seipel. stützen mußte. So sind manche Pilze mit deutlichem Geruch als "geruchslos" bezeichnet."

Die zitierte Publikation von Bach (1958) handelt über die Bedeutung von Gerüchen bei der Pilzbestimmung und hat keinen Bezug zu Ricken.

Es war also nicht seine Haushälterin, sondern die Nichte; und sie hieß nicht Seidel, sondern Seipel.

Darüberhinaus muss es aber noch eine Quelle geben, die diese Informationen beinhaltet, sonst wüsste ich nicht, dass Ricken starker Zigarrenraucher gewesen ist.
Beste Grüße, Heinz Ebert

Hallo Heinz,
Sehr interessant! Gibt es da Quellen dazu, dass das so war? Raucher haben ja
tatsächlich einen etwas abgestumpften Geruchssinn ... aber ich glaube, man
braucht keine besonders feinsinnige Nase, um den Gestank des
Schwefelritterlings wahrzunehmen *g*
Ja, so sagt man, aber ich glaube nicht so richtig daran; unser Geruchssinn
ist einfach nur ziemlich "untrainiert", was nichtalltägliche
Düfte anbelangt. Der Rest ist wohl auch eine "Geschmacksfrage"
(Wird in der Sinnesphysiologie als "Hedonik" bezeichnet). Man
darf das nicht miteinander verwechseln; also Geschmacksfrage (oder
Beurteilung) und die Unfähigkeit bestimmte Stoffe riechen zu können.
*g* Ja, da bin ich auch grad dran;-) Da würde mich interessieren, wer diesen
Geruchseindruck in die Bestimmungsliteratur eingeführt hat - ich vermute
dass es Moser war, aber das ist einfach sehr schwierig herauzubekommen,
weil ja jeder vom anderen abkupfert;-)
Grüßle
Jürgen

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Re: Ricken und Gerüche

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ Heinz Ebert

Hallo Heinz,

herzlichen Dank für dieses Zitat!

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5001 Tagen) @ Birgit

Liebe Birgit,

vielen lieben Dank für Deinen Selbstversuch;-) Also dann kann man Karbid so ziemlich ausschließen. Kannste aber ruhig mal zur AMU mitbringen.

Grüßle
Jürgen

P.S.: Sehr interessant die Evolution Deines Mannes: Vom Höhlenmenschen zum Piloten. *g*

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Stefan S., (vor 5000 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

den Vergleich mit Leuchtgas finde auch ich zum ersten Mal bei RICKEN (Die Blätterpilze, 1915).

Hier meine Recherche:

WINTER (Rabenhorsts Kryptogamen-Flora, 1878) beschreibt überhaupt keinen Geruch.

HAHN (Der Pilzsammler, 1890) sagt "ziemlich stark nach Narzissen".

SCHWALB (Das Buch der Pilze, 1891) findet den Geruch nur "unangenehm".

MIGULA (Kryptogamen-Flora von Deutschland..., 1912) sagt "widerlich".

GRAMBERG (Pilze der Heimat, 1913) zitiert andere Autoren: "Altes, faulendes Holz, Blüten des Pfeifenstrauches, Kohlenteer, Schwefel, widerlich".

Jetzt finde ich in meiner Bibliothek zum ersten mal das Leuchtgas:

RICKEN (Die Blätterpilze, 1915): "...Geruch, der am besten wohl mit dem des Leuchtgases verglichen werden kann".

RICKEN (Vademecum für Pilzfreunde, 1918): "lästig, leuchtgasartig"

MICHAEL/SCHULZ (Führer für Pilzfreunde, 1927): "besitzt einen starken,
höchst widerlichen Geruch, der einigermaßen an den des Leuchtgases erinnert".

Gruß
Stefan

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Nachtrag

Stefan S., (vor 5000 Tagen) @ Stefan S.

In anderen Ländern hatte man damals übrigens andere Geruchs-Assoziationen,
dort tauchte das Gas schon früher auf.

BERKELEY (Outlines of British Fungology, 1860) schreibt "gas-tar", also "Gas-Teer",
was auch immer er damit meint. Gramberg übersetzte das mit "Kohlenteer",
LEUBA (Les Champignons comestibles, 1890) mit "gaz éclairage", also "Leuchtgas".

In Frankreich war man sich sonst einig, dass der Pilz nach faulendem Hanf riecht,
so zu lesen bei

CORDIER (Les Champignons, 1876)
COSTANTIN (Les Champignons comestibles..., um 1900)
nach Gramberg auch bei CANDOLLE.

Wahrscheinlich nur ein Indiz dafür, dass fleißig abgeschrieben wurde. :-)

Grüße
Stefan

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Mison, (vor 5000 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Heinz,
Sehr interessant! Gibt es da Quellen dazu, dass das so war? Raucher haben ja
tatsächlich einen etwas abgestumpften Geruchssinn ... aber ich glaube, man
braucht keine besonders feinsinnige Nase, um den Gestank des
Schwefelritterlings wahrzunehmen *g*
Ja, so sagt man, aber ich glaube nicht so richtig daran; unser Geruchssinn
ist einfach nur ziemlich "untrainiert", was nichtalltägliche
Düfte anbelangt. Der Rest ist wohl auch eine "Geschmacksfrage"
(Wird in der Sinnesphysiologie als "Hedonik" bezeichnet). Man
darf das nicht miteinander verwechseln; also Geschmacksfrage (oder
Beurteilung) und die Unfähigkeit bestimmte Stoffe riechen zu können.
*g* Ja, da bin ich auch grad dran;-) Da würde mich interessieren, wer diesen
Geruchseindruck in die Bestimmungsliteratur eingeführt hat - ich vermute
dass es Moser war, aber das ist einfach sehr schwierig herauzubekommen,
weil ja jeder vom anderen abkupfert;-)
Grüßle
Jürgen

Ja, das mit der Lokomotive ... das war der Rhabarberfüßige Raukopf, oder? Ich erinnere mich,
dass wir den bei Walter Pätzold auf dem Tisch hatten, dann auch der berühmte Geruchsvergleich
"Lokomotivendampf" aufkam, alle lachten, wir uns aber hinterher zumindest mit einigen darauf
einigen konnten, dass der Pilz einen ähnlichen Geruchseindruck hinterlässt wie frisch geputzte
und dann angestellte E-Herdplatten - auch ein Geruch, der mittlerweile vom Aussterben
bedroht ist.
Finde die Diskussion total spannend, auch wenn ich selbst nicht mehr als diese matte Anekdote
beizutragen habe.

Lieben Gruß an alle,
Simon

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Re: Nachtrag

Der Juergen, (vor 5000 Tagen) @ Stefan S.

Hallo Stefan,

vielen lieben Dank für diese tolle Recherche! Da sind ja jetzt so ziemlich die meisten Geruchs-Vergleiche zu dieser Art aufgelistet. Das Odeur "Pfeifenstrauch" stammt wohl von Persoon (habe ich bei Schröter gefunden: Kryptogamen-Flora von Schlesien), und dort steht auch ein Vergleich mit "Canabis", der von Secretan stammt. Ricken kannte Berkeleys "Outlines of British Fungology, 1860"; es steht in seinem Autorenindex;-) Jetzt ergibt sich folgende Situation: Leuchtgas wurde frühestens in den 20er jahre des 19 Jahrhunderts populär, weil da die ersten Gasleitungen in den größeren Städten gebaut wurden, vermutlich im hochindustrialisierten England, wo Leuchtgas und dessen Verwendung auch entdeckt wurde. Berkeley könnte also durchaus der Erfinder dieses Duftvergleiches gewesen sein. Alle anderen haben dann mehr oder weniger abgeschrieben.

Grüßle
Jürgen

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Re: Leuchtgas (Stadtgas)

Der Juergen, (vor 5000 Tagen) @ Mison

Hallo Simon,

Finde die Diskussion total spannend, auch wenn ich selbst nicht mehr als
diese matte Anekdote

Ja, diesen Vergleich kannte ich von irgendwoher. Dieser Geruch von C. callisteus und nah verwandten Arten erinnert mich an ein erhitztes Backblech.

Grüßle
Jürgen

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Re: Nachtrag

Der Juergen, (vor 4999 Tagen) @ Stefan S.

Hallo Stefan,

BERKELEY (Outlines of British Fungology, 1860) schreibt "gas-tar",
also "Gas-Teer", was auch immer er damit meint. Gramberg übersetzte das mit
"Kohlenteer"

Ja, das hat Gramberg richtig übersetzt. "Gas-Tar" ist eine alte Bezeichnung für den Kohlen-Teer, der als Nebenprodukt bei der Kohle-Vergasung entsteht. Berkeley bringt übrigens noch einen Duftvergleich in diesem Werk, und zwar mit "Hemerocallis flava" (Eine Taglilie).

LEUBA (Les Champignons comestibles, 1890) mit "gaz éclairage", also
"Leuchtgas".

Ich habe dieses Werk, das wohl ein begehrtes Sammlerstück ist, nirgends digitalisiert und zugänglich im Netz gefunden. Könntest Du mir da die genaue Seitenzahl nennen, wo der Vergleich steht?

Grüßle
Jürgen

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Textstelle *PIC*

Stefan S., (vor 4999 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

ja, der "Leuba" ist ein Sammlerstück mit sehr schönen Tafeln.
Ich habe die französische Ausgabe, wie wohl die meisten Sammler.
Richtig selten ist das Werk in der lateinischen Erstauflage.

Hier ist die Seite 18 mit der Beschreibung von Agaricus sulphureus:

[image]

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Tafel *PIC*

Stefan S., (vor 4999 Tagen) @ Der Juergen

Hier noch die zugehörige Tafel 14:

[image]

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Re: Tafel

Der Juergen, (vor 4997 Tagen) @ Stefan S.

Hallo Stefan,

herzlichen lieben Dank für die Literaturstellen. Bemerkenswert, das Leuba sich auf Berkeley beruft, aber "gas-tar" falsch mit "Beleuchtungs-Gas" übersetzt. Das dürfte jedoch kaum dramatisch sein, da Leuchtgas eben auch diese Indol-Verbindungen besitzt, die so stinken.

Grüßle
Jürgen

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Re: Tafel

Stefan S., (vor 4997 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Stefan,
herzlichen lieben Dank für die Literaturstellen. Bemerkenswert, das Leuba
sich auf Berkeley beruft, aber "gas-tar" falsch mit
"Beleuchtungs-Gas" übersetzt:

Hallo Jürgen,

jetzt wäre noch interessant zu wissen, wie Leuba das in der
anderssprachigen Version seines Werkes übersetzt hat.
Die ist nämlich nicht lateinisch (hatte ich falsch in Erinnerung)
sondern in Fritz Leubas Muttersprache – deutsch! (Er war Schweizer)

Aber selbst wenn Leuba als erster den Ausdruck "Leuchtgas" benutzt hätte,
stammt die Interpretation des Geruchs wohl klar von Berkeley.

Grüße
Stefan