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Wegen Boletus fuscoroseus

Christoph ⌂, (vor 8107 Tagen)

Hallo erstmal,

Thomas Lehr hat mir eine E-mail geschrieben, in der er mich auf die Boletus-fuscoroseus-Diskussion aufmerksam machte. Danke hierfür!

Meines Wisens ist dei Originalbeschreibung aus den genannten Sitzungsberichten:

Smotlacha F. (1912 "1910"): Monografie ceskych hub hribovitych (Boletinei). Vestnik Ceske spolecnosti Nauk, Rocnik 1911(8): 1-73.

Wie richtig erkannt ist dies die Tschechische Bezeichnung der Sitzungsberichte. Die Originalbeschreibung ist auf Seite 47.
Das "1910" heißt, dass der Vortrag 1910 von Smotlacha gehalten wurde und daher dieses Jahr immer wieder auftaucht. 1911 soll der Bericht erscheinen, wurde aber erst 1912 gedruckt. Ergo ist 1912 das Datum, das gültig ist.

Ich hab die Originalbschreibung und diese hat mir freundlicherweise Frau Tomanova ins Deutsche übersetzt.

Hier der Text: "Der Hut ist anfangs halbkugelförmig, später kissenförmig, 10-20 cm breit, er hat braune Farbe mit einem rosenfarbigem Stich. Röhren sind anfangs kurz, später verlängert, 1-1,5 cm lang, anfangs augenscheinlich mit einem Übergang zum Stiel hin, später mit dem Stiel nur verbunden, gelb mit kreisrunden, engen, genauso wie die Röhren gefärbten Öffnungen, bei Berührung sanft blaugrün werdend. Sporen hellbraun, ellipsoid, 10 µm lang, 3-4 µm breit. Der Stiel 8-16 cm lang, fest, ausgefüllt, anfangs kegelförmig, unten bauchig, oben schmäler, ganz deutlich mit netzartiger Musterung, an der Oberfläche bei Verletzung anfangs blaugrün, später beschmutzt. Das Fruchtflesich des Fruchtkörpers fest, fein, gelbweiß, bei Verletzung blau werdend.

B. fuscoroseus lässt eine Beziehung zu beiden vorherigen Arten erkennen [Anmerkung von mir: das waren Holetus regius und Bol. appendiculatus, der damals Boletus aereus genannt wurde - siehe unten]. Er unterscheidet sich aber durch einen kegelförmigen Stiel und seine anfangs zusammenlaufenden Röhren, außerdem unterscheidet er sich von B. regius durch das Blauwerden seines Fruchtfleisches und seiner Röhren und von B. aereus [Anmerkung: = Bol. appendiculatus im heutigen Sinn] durch die Farbe seines Hutes. Im Geschmack und Wesen gleicht er beiden Arten, er ist essbar und gleich kostbar. Ich habe ihn zum erstenmal im August 1909 im Wald Zernov bei Holice unter Eichen gesammelt. Zwei Fruchtkörper habe ich zur Ansicht Prof. Velenovsky geschickt. In der Umgebung wird er "ruzovnik" genannt".

Zitat Ende.

Smotlacha beschreibt also einen Pilz, der genau zwischen Boletus regius und Boletus appendiculatus steht. Er blaut im Fleisch und in den Röhren, auch der Stiel blaut auf Druck. Er hat einen rosa Farbton im bräunlichen Hut. Und er wächst unter Eichen.
Boletus pseudoregius variiert stark in der Hutfarbe, von fast rein braun bis hin zu schön rosarötlich. Smotlacha hat eine Form mit rosabraunen Hut vor sich gehabt. Ich sehe gar keinen Zweifel an der Interpretation mit "Bol. pseudoregius". Und Bol. fuscoroseus ist somit der älteste Name. Die Beschreibung lässt eine Unterscheidung zu Bol. subappendiculatus eindeutig zu (Blauen, Ökologie). Die Sporenmaße sind nicht unbedingt ernst zu nehmen, da einerseits keinerlei Schwankungsbreiten angegeben sind, andererseits bei alten Beschreibungen oftmals Diskrepanzen zu "wahren" Werten auftauchen (schlechte Optik, ungenaue Messung etc.).

Für eine der "alten" Beschreibungen ist insbesondere durch die nachfolgende Bemerkung, dass die neue Art nahe Boletus regius sei aber blaue und nahe Bol. appendiculatus sei, aber rosa Töne im Hut hat, sehr gut, finde ich.
Eine lateinische Diagnose war damals nicht nötig und auch Angabe von Typusmaterial war damals nicht nötig. Ich habe nach dem Originalmaterial gefahndet, aber nichts gefunden. Velenovsky hatte eh wenig von Herbarmaterial gehalten...

Warum man den Namen Bol. fuscoroseus bei der Neubeschreibung von Bol. pseudoregius 1988 einfach ignoriert hat, wundert mich sehr, da er ja z.B. auch von Singer bei seiner Interpretation von Bol. speciosus fiel. Selbst Engel hat ihn als ältestes Synonym von Bol. speciosus ss. auct. Europ. aufgeführt (wohl von Singer übernommen). Eigentlich konnte er gar nicht übersehen werden. Was es bringen sollte, einen extrem dünn beschriebenen Namen (von Huber auf Varietätseben eingeführt und wenig aussagend) auf Artebene zu validieren, ist mir bis heute ein Rätsel.
Ich bin dafür, Smotlacha nachträglich als Erstautor anzuerkennen. Nach den Nomenklaturregeln ist er es eindeutig und man kann schwerlich einen anderen Boletus aus seiner Beschreibun herauslesen. Ich habe vor, die Art zu Neotypisieren, habe aber kein Material aus Tschechien. Das ist zwar nicht nötig, ich kann auch deutsches Material nehmen, aber es wäre schöner. Das ist der Grund, warum ich es bislang nicht tat und das noch nicht publiziert habe.

Wenn jemand die deutsche Übersetzung verwenden oder weitergeben möchte - gerne - aber bitte mit Zitat der Quelle (Überstzung von J. Tomanova), da sich die Überstezerin (eine Tschechin, die mit mir in München Biologie studiert hat) viel Mühe gegeben hat.

Ich nenne den Blauenden Königsröhrling jedenfalls stringent Boletus fuscoroseus. Vielleicht wird sich das langsam aber sicher durchsetzen.

Schlussbemerkung zu Martins Beschreibung. Wie richtig geschrieben wurde, ist die irrelevant, da nicht auf Artrang beschrieben...

Grüße
Christoph

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Re: Wegen Boletus fuscoroseus

Jürgen, (vor 8107 Tagen) @ Christoph

Hallo Christoph,

danke für die Info! Dann braucht sich ja Andreas nicht mehr darum zu kümmern.

"Schlussbemerkung zu Martins Beschreibung. Wie richtig geschrieben wurde, ist die irrelevant, da nicht auf Artrang beschrieben..."

Da hätte ich eine nomenklaturtechnische Frage (ganz unabhängig davon, ob Boletus subtomentosus ssp. cerasinus Martin wirklich unsere Art ist):

Auf Artebene gibt es m. W. die Kombination Boletus cerasinus (Martin) Konrad. Die Jahreszahl habe ich auf die Schnelle in den gängigen Monographien leider nicht gefunden, müsste aber in den 1920ern publiziert worden sein (weißt du, wann genau?), jedenfalls aber später als Boletus fuscoroseus.

Wäre in dem Fall aber nicht doch das ältere Basionym für die Priorität ausschlaggebend, so dass fuscoroseus hintan stehen müsste? Oder kommt es nur darauf an, wer das Taxon erstmals auf Artrang beschrieben hat - egal, welche älteren Epitheta auf niedrigeren Rangstufen es gibt, die irgendwann später auf Artrang gehoben wurden?

Grüße, Jürgen

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Re: Wegen Boletus fuscoroseus

Christoph ⌂, (vor 8107 Tagen) @ Jürgen

Hi Jürgen,

es zählt nur das Datum, in dem das Epitheton auf Artrang gehoben wurde. Sonst gäb es ja nur noch Chaos. Insofern ist das Datum der Konradschen Kombination ausschlaggebend und das ist nach Smotlacha. Insofern spielt es hier nomenklatorisch keine Rolle.
Begründung: wenn z.B. jemand Formen am laufenden Band beschreibt, die prinzipiell zwar als Namen existieren (wenn mit Diagnose etc.), so müsste man all diese ja auch mit überprüfen, bevor man irgend eine neue Art beschreibt. Sonst könnte ja später jemand anders in so einer Formbeschreibung (die von vielen ignoriert wird) diese Art sehen, hochkombinieren und den Namen der neuen Art ändern. So kann man al die Formen und Varietäten ignorieren, wenn man meint, eine gute neue Art vor sich zu haben, was sehr viel Arbeit nimmt. Natürlich ist es sinnvoll, wenn klar ist, dass die neue Art vorher als Varietät gesehen wurd eund eingebürgert ist/war, diese durch umkombinieren hochzuhiefen anstelle neu zu beschreiben. Umgekehrt hat man so aber die Möglichkeit, eine nur kurz als Form erwähnte Sippe (also ne kurze Beschreibung, z.B. als Königsröhrling, der blaut und deshalb als fm. coerulescens beschrieben würde ohne weitere Infos - nur als Gedankenbeispiel), die doch ne eigene Art ist, ausführlicher (besser) zu beschreiben, einen ordentlichen Typus zu hinterlegen etc. pp.
Daher, als Quintessenz - nur das Datum, an dem der Name erstmals auf entsprechender Rangstufe erscheint, ist wichtig. Alles andere ist irrelevant.

Liebe Grüße
Christoph

Hallo Christoph,
danke für die Info! Dann braucht sich ja Andreas nicht mehr darum zu kümmern.
"Schlussbemerkung zu Martins Beschreibung. Wie richtig geschrieben
wurde, ist die irrelevant, da nicht auf Artrang beschrieben..."
Da hätte ich eine nomenklaturtechnische Frage (ganz unabhängig davon, ob
Boletus subtomentosus ssp. cerasinus Martin wirklich unsere Art ist): Auf
Artebene gibt es m. W. die Kombination Boletus cerasinus (Martin) Konrad.
Die Jahreszahl habe ich auf die Schnelle in den gängigen Monographien
leider nicht gefunden, müsste aber in den 1920ern publiziert worden sein
(weißt du, wann genau?), jedenfalls aber später als Boletus fuscoroseus.
Wäre in dem Fall aber nicht doch das ältere Basionym für die Priorität
ausschlaggebend, so dass fuscoroseus hintan stehen müsste? Oder kommt es
nur darauf an, wer das Taxon erstmals auf Artrang beschrieben hat - egal,
welche älteren Epitheta auf niedrigeren Rangstufen es gibt, die irgendwann
später auf Artrang gehoben wurden?
Grüße, Jürgen

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Re: Wegen Boletus fuscoroseus

Jürgen, (vor 8105 Tagen) @ Christoph

Hallo Christoph,

die Regel, dass ältere Epitheta auf niederen Rangstufen bei Prioritätsfragen außer Betracht bleiben, hat sicher ihre guten praktischen Gründe. Im Einzelfall kann sie jedoch, gerade für "vorsichtige" Autoren, sehr ungerecht sein.

(Halb-)Fiktives Beispiel:
Castro & Freire haben "ihren" Gyroporus ammophilus erst 1995 auf Artrang beschrieben, nachdem sie sich über mehrere Jahre hinweg Klarheit über die Einordnung des Taxons verschafft hatten. Bekanntlich hatten sie den Pilz schon 1989 unter demselben Namen als Varietät von Gyroporus castaneus veröffentlicht - wohl auch aus berechtigter Vorsicht, nicht bedenkenlos gleich eine neue Art zu schaffen.

Diese "Vorsicht" hätte ich mir als mykologischer Trittbrettfahrer schamlos zunutze machen können, indem ich gleich nach 1989 den von den Autoren angegeben Typusfundor (oder die Umgebung) aufgesucht und - falls fündig - das Taxon unter anderem Namen als spec. nov. publiziert hätte. Dann wäre Castro & Freire jede Chance genommen gewesen, "ihre" Art mit "ihrem" Namen noch mal als Erstbeschreibung zu bringen.

Durch die Nomenklaturregeln wird also Vorsicht bestraft, das Kreieren von Arten dagegen begünstigt.

Pech wäre es für Castro & Freire freilich gewesen, wenn zwischen 1989 und 1995 unabhängig von ihnen jemand anders die Art entdeckt und unter anderem Namen als neue Art beschrieben hätte - aber will das nachweisen?

Viele Grüße, Jürgen

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Re: Wegen Boletus fuscoroseus

Andreas ⌂, (vor 8105 Tagen) @ Jürgen

Hallo Christoph,
die Regel, dass ältere Epitheta auf niederen Rangstufen bei Prioritätsfragen
außer Betracht bleiben, hat sicher ihre guten praktischen Gründe. Im
Einzelfall kann sie jedoch, gerade für "vorsichtige" Autoren,
sehr ungerecht sein.
(Halb-)Fiktives Beispiel: Castro & Freire haben "ihren"
Gyroporus ammophilus erst 1995 auf Artrang beschrieben, nachdem sie sich
über mehrere Jahre hinweg Klarheit über die Einordnung des Taxons
verschafft hatten. Bekanntlich hatten sie den Pilz schon 1989 unter
demselben Namen als Varietät von Gyroporus castaneus veröffentlicht - wohl
auch aus berechtigter Vorsicht, nicht bedenkenlos gleich eine neue Art zu
schaffen.
Diese "Vorsicht" hätte ich mir als mykologischer Trittbrettfahrer
schamlos zunutze machen können, indem ich gleich nach 1989 den von den
Autoren angegeben Typusfundor (oder die Umgebung) aufgesucht und - falls
fündig - das Taxon unter anderem Namen als spec. nov. publiziert hätte.
Dann wäre Castro & Freire jede Chance genommen gewesen,
"ihre" Art mit "ihrem" Namen noch mal als
Erstbeschreibung zu bringen.
Durch die Nomenklaturregeln wird also Vorsicht bestraft, das Kreieren von
Arten dagegen begünstigt.
Pech wäre es für Castro & Freire freilich gewesen, wenn zwischen 1989 und
1995 unabhängig von ihnen jemand anders die Art entdeckt und unter anderem
Namen als neue Art beschrieben hätte - aber will das nachweisen?
Viele Grüße, Jürgen

Hallo Jürgen,

solche und ähnliche Dinge passieren natürlich, aber ich denke mutwillig und absichtlich wird sowas keiner ausnutzen. Das spricht sich sonst bald rum und derjenige hat seinen Ruf weg. Gerade die Mykologenkreise sind doch recht überschaubar.
Mir mag es mit meinen Mollisien auch so gehen. Ich verteile meinen provisorischen Schlüssel an Interessentierte und da stehen auch jede Menge provisorische Arten drin, oder umzubenennende bzw. umzukombinierende. Kann jetzt auch jemand hergehen und das alles unter seinem Namen machen. Über die submersen Mollisien bereite ich seit mehreren Jahren einen Artikel vor, der demnächst fertig sein wird. Immer kam noch was dazu, zuletzt wollte ich vor der Umkombination der Tapesia rivularis zu Mollisia noch, um 100% sicher zu gehen, den Typus von Tapesia rivularis ansehen, um die Typusbeschreibung noch mit einbauen zu können. Nun hat letzthin Lothar in einem Artikel aufgrund eines Fundes diese Art zu Mollisia kombiniert. Pech? zu lange gewartet? Nicht wirklich, denn mein Artikel wird dadurch inhaltlich ja nicht verändert.
Zotto kann sowas sicherlich noch viel eher passieren.
Aber wenn jeder nur im stillen Kämmerlein wurschtelt bis er sich sicher ist, dann ist das viel mühsamer als wenn man den Austausch sucht - auch auf die gefahr hin, dass einem jemand die ach so begehrte taxonomische Konsquenz "wegnimmt".

Beste Grüße,
Andreas