Pilze Pilze Forum
Erweitert

Kahler Krempling und Paxillus-Syndrom

arysch, (vor 7689 Tagen)

Hallo zusammen,
ich suche Informationen zum Tod vom bayerischen Mykologen Julius Schäffer Ende der (19)40-er Jahre.
Ich habe bisher folgendes dazu:

1. Im Tintling Nr. 18 (6/99) fand ich die Information darüber, dass der Mykologe nach dem Verzehr von Kahlen Kremplingen verstarb.

2. Beitrag 373
(Georg beschreibt im Forum den Fall)

3. http://www.pilze-augsburg.de/pilzvergiftung/8.htm
(auch Familienangehörige haben die Kahlen Kremplinge gegessen, jedoch nur Julius Schäffer starb)

Weisst jemand mehr darüber? War das ein "Selbstversuch" vom Wissenschaftler (was ich nicht glauben kann) oder war das ein Versehen und unglücklicher Unfall, da wahrscheinlich damals der Paxillus-Syndrom nicht bekannt war? Wie alt war damals der Mykologe? Wurde der Kahler Krempling damals als giftig eingestufft oder dauerte es noch Jahre, bis der Paxillus-Syndrom offiziell anerkannt wurde?

Zur Erinnerung: Paxillus-Syndrom ist eine Immunhämolyse, eine seltene Form von Allergie, die infolge einer Antigen-Antikörper-Reaktion nach wiederholtem Genuss von Kahlen Kremplingen (Paxillus involutus) hervorgerufen werden kann (Quelle: Giftpilze-Pilzgifte, Rene Flammer und Egon Horak). Bisher sind nur sehr wenige tödliche Fälle diesbezüglich bakannt und einwandfrei dokumentiert.

Schöne Grüße, Artur

Eintrag gesperrt
17 Aufrufe

Re: Kahler Krempling und Paxillus-Syndrom

arysch, (vor 7689 Tagen) @ arysch

Ich habe noch einmal weiter im Tintling 6/99 (Nr. 18) in dem Artikel von Christoph Hahn und Hartmut Geerken gelesen und:

Julius Schäffer hat über mehrere Jahre kaum Pilze gegessen, bis zu der unglücklichen Mahlzeit am 4 Oktober 1944. Kurz nach der Mahlzeit stellten sich - nur bei ihm, nicht bei den Tischgenossen - heftige Symptome einer Pilzvergiftung ein. Mangelnde Versorgungsmöglichkeiten verhinderten eine schnelle und wirksame Hilfe. Der Mykologe verstarb 17 Tage danach, am 21 Oktober 1944.

Gruß, Artur.

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Re: Kahler Krempling und Paxillus-Syndrom

saibling, (vor 7689 Tagen) @ arysch

Hallo Artur,

im Band 33 der Zeitschrift für Pilzkunde von 1967 beschreibt
Schäffers Frau Liesl ausführlich, wie die Vergiftung zustande kam.
Ich wills mal in knappen Worten zusammenfassen:

Schäffer kam damals aus Potsdam nach Bayern und hatte
in seiner alten Heimat des öfteren den Kahlen Krempling gegessen.
Durch seine intensive Beschäftigung mit Pilzen war ihm über die
Jahre der Appetit auf sie vergangen. Als er jedoch im Oktober 1944
das erste Mal in seiner neuen Heimat in grossen Mengen fand, nahm
er sie mit und seine Frau bereitete sie zu. Beide genossen die
Mahlzeit. Er sagte sogar noch, dass ihm die Pilze endlich mal
wieder schmecken würden und seine Frau gerne wieder öfters welche
kochen könne.
Nach dem Essen musste seine Frau für eine Stunde zu Besorgungen weg.
Als sie wieder nach hause kam, hörte sie bereits ein Stöhnen.
Heftiges Erbrechen und Durchfall hatten sich eingestellt.
"Eine Pilzvergiftung" ächzte Schäffer, seine Frau solle die Ärztin
holen, damit sie ihm den Magen auspumpt. Da die Ärztin ausgebombt
war hatte sie leider keinen Schlauch mehr um den Magen zu leeren.
Sie stellte bei Schäffer 41 Grad Fieber fest. Der Versuch das
Krankenhaus in Weilheim anzurufen scheiterte, weil die Leitung
wegen eines Fliegerangriffs ebenfalls zerstört war. Zu allem
Pech kam noch dazu, dass für das Sanitätsauto kein Benzin mehr
vorhanden war.
Von Donnerstag bis Samstag lag er mit seiner Vergiftung im Bett,
bis endlich ein Auto ihn nach Weilheim bringen konnte.
17 Tage mußte der ärmste sich noch herumquälen. Ein Organ auf das
andere versagte. Er konnte nicht mehr reden, sehen und hören.
Am 21. Oktober 1944 in der Früh verstarb er nach langen qualen.

Weisst jemand mehr darüber? War das ein "Selbstversuch" vom
Wissenschaftler (was ich nicht glauben kann) oder war das ein Versehen und
unglücklicher Unfall, da wahrscheinlich damals der Paxillus-Syndrom nicht
bekannt war?

Es war sicher kein Versuch. Er hatte sie früher ja regelmässig und problemlos
verspeist. Wäre das Syndrom bekannt gewesen hätte er als erfahrener Mykologe
den Paxillus nicht gefuttert.

Wie alt war damals der Mykologe?

Er wurde am 3. Juni 1882 in Markgröningen bei Stuttgart geboren.
Ist also 62 Jahre alt geworden.

Wurde der Kahler Krempling
damals als giftig eingestufft oder dauerte es noch Jahre, bis der
Paxillus-Syndrom offiziell anerkannt wurde?

wurde damals nicht als Giftpilz bezeichnet.

So dann wären wir mit der Beantwortung deiner Fragen durch.
Natürlich stark verkürzt, da sich eigentlich das ganze Heft
mit Schäffer beschäftigt. Sind fast 40 Seiten. Ich habs damals
relativ günstig bei ebay bekommen.

Liebe Grüsse
christian

Eintrag gesperrt
14 Aufrufe

Schönen Dank - sehr wertvolle Infos für mich *oT*

arysch, (vor 7689 Tagen) @ saibling

- kein Text -

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Re: Kahler Krempling und Paxillus-Syndrom *PIC*

elfi ⌂, (vor 7689 Tagen) @ arysch

Hallo Artur,
wann das Dr.Oetker-Pilzbuch gedruckt wurde steht leider nicht drin!
Ich tippe so auf 1948 - 1952.
Hier ein Auszug, was damals über den Kahlen Krempling geschrieben wurde:
[image]
Grüße
elfi [image]

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Re: Kahler Krempling und Paxillus-Syndrom

Schwammerlkönig, (vor 7689 Tagen) @ elfi

Schon interessant, was die damals über den Kahlen Krempling geschrieben haben. Heute weiss man es ja Gottseidank besser.
LG Peter