Steinpilze im Schneetreiben *PIC*

Ingo, (vor 6926 Tagen)

Hallo Forum,

Montagskino war voriges Jahr irgendwie einfacher. Bei dem Schietwetter heuer würde man am liebsten
in den vier Wänden bleiben. Ist aber auch nicht so schön, also versuche ich mal was.

Wie wäre es denn mit einem kleinen Ritterlingsproblem? Eigentlich wage ich mich an diese Gattung
nicht heran – völlig aussichtslos. Aber ich habe da noch einen spannenden Fund aus Mitte September.
Den hatte ich bisher verdrängt. Zurecht, wie ihr gleich erkennen werdet:

[image]

[image]

Inmitten einer Maronen -Treibjagd im September (nicht auf Edelkastanien!) schleppte mir ein Mitstreiter
dieses Einzelexemplar an. Sauber mit dem Messer geköpft, muss er es ursprünglich für ein Objekt aus
der Zielgruppe gehalten haben. Ich muss schon sagen – Boletus badius sieht schon etwas anders aus.

„So ein wunderschöner Risspilz“, dachte ich. Kurz daran geschnuppert, und dann im hohen Bogen in
den Wald damit. Doch halt, was war das?! Anstelle feinsten Camembertduftes strenger Mehlgestank.
Maipilz lässt grüßen. Also eine Tricholoma - aber welche?
In der Literatur wurde ich schnell fündig. Gelbgrüner Ritterlinge – T. sejunctum passte vom Feinsten.
Allerdings stand das Teil mitten im Stangenwald bei pinus sylvestris. Nicht mal eine Birke war dort.
Was nun? Die Typusart ist allein mit Laubbäumen vergesellschaftet. So furchtbar nach Mehl riechen
dürfte sie auch nicht. Die Gelbfärbung der Lamellen zum Hutrand hin sollte bei der Art, wenn überhaupt,
nur bei überständigen Exemplaren vorhanden sein. Hier handelte es sich aber noch um einen Jungpilz.

Nun war es mal wieder an der Zeit für den Einsatz schwererer Geschütze, sprich Bestimmungsliteratur.
Hier boten sich gleich mal zwei Lösungswege an.
Zum Ersten Tricholoma sejunctum var. coniferes, ein Fichtenbegleiter und, nach der Monographie von
M. BON, etwas aus der Sektion Parafucata. Hier passt am ehesten die Beschreibung von T. sejunctoides.
Wobei die Typusart hier Tricholoma arvenense ist. Ein strenger Kiefenbegleiter auf sauren, armen Böden.
Wenn ich da die Literatur vergleiche, scheint mal wieder große Uneinigkeit bei den Autoren zu herrschen.
Die Splittung wird nicht überall anerkannt, und das Teil dürfte nach geltender Taxonomie tatsächlich unter
Tricholoma arvenense laufen.

Ihr seht also, ich habe das Dingens nicht ohne Grund auf die lange Bank verbannt.
Bei einigen Sektionen von Tricholoma scheint eine sichere Bestimmung sowieso nicht möglich zu sein.
Nicht mal nach mikroskopischen Merkmalen. Deutung trifft es da schon eher. Man trifft dieses unheilvolle
Wort selbst in Monographien dieser Gattung unverhältnismäßig oft an.
Ich bin daher für jeden, weiteren, Deutungsversuch dankbar.

Tricholoma arvenense cf.

Was gab es aktuell? Die üblichen, winterharten Verdächtigen:

Der Amiant Körnchenschirmling

[image]

kommt noch ganz gut klar

Die Frostschnecklinge

[image]

mögen solch lausiges Wetter sogar und erscheinen momentan recht zahlreich.

Auch den Grünlingen

[image]

kann leichter Bodenfrost nicht viel anhaben.

Ob die Lacktrichterlinge

[image]

das Klima mögen, sei dahingestellt. Immerhin waren sie schon beim sporulieren. Auch nicht eindeutig
erkennbar, ob es sich um L. laccata, oder um die hier häufigere Art L. bicolor handelte.

Zum Abschluss noch ein paar Erdritterlinge. Auch die sind immer wieder treue Begleiter zum Saisonende.

[image]

Ich würde gerne hoffen, dass das noch nicht alles war, in diesem Jahr. Aber nicht jeder Winter kann
für uns Pilzfreunde so verlaufen, wie der letzte. Nach gut 18 Monaten Pilzsaison wäre ja auch mal eine Pause
nicht schlecht. Oder etwa nicht?

Grüsslis ins Sendegebiet – Ingo

p.s. Da war doch noch was. Wer die Steinpilze vermisst: Mit einer Schaufel bewaffnet, sollten noch welche
zu finden sein! ;-))

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Tricholoma

Andreas ⌂, (vor 6926 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,

Dein Rätsel-Ritterling würde ich als typisches Tricholoma viridilutescens abtun. Saurer Boden, Lamellenrandbereich auf 5 mm gelb, Gelbfärbung der Stielmitte - alles perfekt. Geruch weiß ich allerdings nicht mehr von unseren Funden her. Ich hatte den im Schwarzwald hin und wieder, in den sauren feuchten Nadelwäldern auf Granit und Buntsandstein. Einmal auch unter Eiche auf trockenem Sandboden.

beste Grüße,
Andreas

Eintrag gesperrt
14 Aufrufe

abtun

Rudi, (vor 6926 Tagen) @ Andreas

würd ich den eventuell auch, vorausgesetzt, ich hätte den schon mal gefunden...

GR

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Das ist Vorspiegelung falscher Tatsachen!!!!! *oT*

Hans hurter, (vor 6926 Tagen) @ Ingo

- kein Text -

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Re: Wieso? Habt ihr denn keinen Schnee? ;o) *oT*

Ingo, (vor 6926 Tagen) @ Hans hurter

- kein Text -

Eintrag gesperrt
12 Aufrufe

Re: Tricholoma

Ingo, (vor 6926 Tagen) @ Andreas

Dein Rätsel-Ritterling würde ich als typisches Tricholoma viridilutescens
abtun.

Moin Andreas,

wie kann ich das Wörtchen "abtun" auffassen? Ist es dichter an "Bestimmung"
als der Begriff "Deutung", oder eher entfernter? ;-)

Der sägeblättrige R. ist, glaube ich, in der gleichen Sektion zuhause wie
der Orangebraune. (habe wieder mal die Monographie zu Hause gelassen).
Im www habe ich als Hinweis gefunden, dass die Art T. viridilutescens
pilzig, aber nicht mehlig riechen soll - allerhöchstens ein wenig nach Gurke.
Ob nach Saurer-, Knoblauch- oder Senfgurke steht da allerdings nicht.

Grüsslis Ingo

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Deutungsversuch nach M. BON *PIC*

Ingo, (vor 6925 Tagen) @ Ingo

Hossa Pilzfreunde!

Irgendwie fühle ich mich wieder in meinem Element. Die Ritterlinge scheinen, neben den braunen, noch
eine weitere, spannende Fraktion zu bieten. Die Grün-Gelb-Braunen!
Wenn man mal die Literatur kurz quer liest, kommt einem alles irgendwie bekannt vor.
Ich möchte es mal wieder mit dem Schlüssel von M. BON versuchen. Meine Empfehlung an alle Interessierten:
Die 1200 Pilze von R.M. DÄHNCKE. Warum? Weil dort recht aussagekräftige Bilder drin sind und im
Wesentlichen den Erkenntnissen von BON, RIVA und auch MOSER Rechnung getragen wird.
Die BW Pilze helfen im aktuellen Fall nicht weiter, da aus Mangel an Funden alles bei Tricholoma
sejunctum untergebracht ist. Dies ist wohl auch der Auffassung der Autoren geschuldet.

Nochmal kurz zum Fund – die Bilder vom Schuldigen:

[image]

[image]

Die makroskopischen Merkmale sind ja soweit erkennbar. Was man nicht sehen kann:
starker Mehlgeruch und der Fundort bei Kiefern in sandigem, bodensauren Terrain.

Andreas vertrat heute in seinem Posting die Ansicht, dass es sich um T. viridifucatum handeln könnte.
Ich hatte vorab in meinem Hauptbeitrag bereits T. arvenense eingeworfen. Gut – den gibt’s nicht.
Abschreibfehler: Tricholoma arvernense nennt sich der Gute.

Immerhin: beide Arten gehören in die Sektion Parafucata (BON), und nicht in die Typussektion Tricholoma,
zu welcher T. sejunctum, aber auch der Grünling und der Schwarzfaserige Ritterling gehören.

Nimmt man nun mal von den reinen Äußerlichkeiten Abstand, und bezieht sich auf die ökologischen
Merkmale, dann treffe ich hier nach BON auf einen ersten Widerspruch.
Nach BON fruktiziert T. viridifucatum im Laubwald, auf lehmig-kalkigen Böden.
Weiterhin soll er schwach, pilzig bis leicht mehlartig riechen.

Nachfolgend kurz die vergleichbaren Merkmale der anderen Genossen aus dieser Fraktion:

Tricholoma coryphaeum:
Calcicole (kalkhaltige) Laubwälder – Geruch flüchtig mehlartig

Tricholoma arvernense:
Krautige oder moosige +/- calcicole Nadelwälder – Geruch schwach fruchtig mehlig bis unangenehm

Tricholoma sejunctoides:
Unter Nadelbäumen, vorwiegend bei Kiefern – Geruch stark mehlig

Tricholoma viridifucatum:
Im Laubwald, auf lehmig-kalkigen Böden - Geruch schwach, pilzig bis leicht mehlartig
Nach MOSER soll diese Art übrigens vorwiegend im Nadelwald vorkommen.

Tricholoma joachimii
Vor allem bei Kiefern auf neutralen Böden, +/- büschelig wachsend – Geruch schwach aromatisch

Und weil es so schön ist, hier noch eine Varietät zu T. arvernense; T. arvernense var. discolor,
die etwas mehliger riechen soll, als die Typusart und einen Hang zum leichten Gilben in Richtung
Lamellenschneide aufweisen soll.

Nun mag sich der werte Leser am besten selbst ein Urteil bilden.
Andreas liegt mit seiner Einschätzung sicher richtig, wenn er bei Tricholoma viridifucatum rauskommt.
Dieser Ansatz erfolgte vermutlich auf den Erkenntnissen von den BW Pilzen und auch von MOSER.

Nach den Ergebnissen von M. BON und wohl auch RIVA kommt ein anderes Ergebnis heraus.
Nach dem Standort und dem überaus bestechenden Mehlgeruch kommen hier wohl nur
Tricholoma sejunctoides oder Tricholoma arvernense var. discolor in Frage.
Nach dem Schlüssel von BON, wie schon bemerkt. Nicht, dass ich mit Tricholoma viridifucatum
nicht leben könnte. Ein Erstfund wäre es allemal gewesen. Wenn ich den denn selbst gemacht hätte.

Beste Grüße in die Runde – Ingo

Eintrag gesperrt
12 Aufrufe

Re: Deutungsversuch nach M. BON

Ingo Wagner, (vor 6925 Tagen) @ Ingo

Hallo Namensvetter!

Nicht, dass ich irgendeine Ahnung von braunen oder grüngelben Ritterlingen hätte (hab ich bisher immer ohne Namen ad acta legen müssen, wegen der für mich unüberwindbaren Widersprüchlichkeiten der verschiedenen Literatur), aber ich gebe zu bedenken, dass Andreas von viridilutescens, nicht von viridifucatum sprach.

Bewundernswert, wie du dich in die Materie kniest. Könnte ich von dir, solltest du den absoluten Durchblick erlangt haben, vielleicht auch eine Zusammenfassung (ähnlich der von Felix mit seinen vorgestellten Täublingen) bekommen?

Gruß
Ingo W

Eintrag gesperrt
17 Aufrufe

Re: Deutungsversuch nach M. BON

Ingo, (vor 6925 Tagen) @ Ingo Wagner

Hallo zurück!

aber ich gebe zu bedenken, dass Andreas von viridilutescens, nicht von
viridifucatum sprach.

hast du recht. Asche auf mein Haupt. Jetzt sitze ich wieder ohne Monografphie hier.
Muß ich heute Abed nochmal im Bon nachschauen. Ich hoffe, T. viridilutescens
ist dort auch drin. Irgendwie habe ich nur einen "Viridi" gefunden.

Bewundernswert, wie du dich in die Materie kniest. Könnte ich von dir,
solltest du den absoluten Durchblick erlangt haben, vielleicht auch eine
Zusammenfassung (ähnlich der von Felix mit seinen vorgestellten
Täublingen) bekommen?

Gerne, wenn ich das in den nächste 10 - 20 Jahren hinbekomme.
Wenn die Ritterlinge wieder zunehmen, sieht es gar nicht schlecht aus,
das noch in diesem Leben hinzubekommen. ;-)
Immerhin gibt es nun auch aus anderen Gegenden wieder Fundmeldungen von
Raritäten. Auch an Grünligen schien dieses Jahr kein Mangel zu bestehen.

Grüsslis Ingo

Eintrag gesperrt
12 Aufrufe

@Andreas - hier die fehlende Beschreibung

Ingo, (vor 6924 Tagen) @ Ingo

...im Bon

Hallo Pilzfreunde,

der Vollständigkeit halber hier noch die Beschreibung zu

Tricholoma viridilutescens Moser (=T. subsejunctum ss. Huijsm., M. Bon 1976)
Hut 4-8 cm, stumpf kegelförmig oder zentral gebuckelt mit einer dunklen, +/- olivlichen Hutmitte
oder nach außen hin mit orangelichem Hauch bei gleichzeitig lebhafter grünlich-gelb umgrenztem Hutrand.
Lamellen weißlich, in typischer Weise von außen her kronenartig gelb überzogen, gelegentlich mit gesägter
Schneide. Stiel (3)5-7(12)x0,6-1(1,5) cm, weißlich oder verwaschen gelb mit einigen gelblich-braunen
Fasern, Fleisch weiß bis +/- gelb zur Hutoberfläche hin. Geruch und Geschmack mehlartig.
Vorkommen im sauren, mehr oder weniger feuchten Laubmischwald, Erlenbruch-Wälder oder im Sphagnum,
seltener in den trocknen Ginsterheiden.

Ich finde, die Beschreibung passt hervorragend zum gezeigten Exemplar. Das Vorkommen im Laubwald
scheint mir nicht unbedingt ein zwingendes Artmerkmal zu sein, da Andreas Gminder, wie angeführt,
diese Art bereits häufiger im Nadelwald vorfand. Zudem kann ich auch nicht ausschließen, dass dort, wo mein
Exkursionsbegleiter den Pilz auffand, nicht auch ein Laubbäumchen herum stand.

Sorry, dass mir die Beschreibung gestern durchgerutscht war. Die Stelle in der Monographie, wo der
Artname aufgeführt ist, habe ich schlicht übersehen.

@Andreas
Leider nur ein junges Einzelexemplar, welches nicht mal vollständig war. Mich würde dennoch interessieren,
ob das doch recht passende Fundbild einen Eintrag in die lokale Kartierung rechtfertigen kann.
Oder warte ich besser ab, ob in den kommenden Jahren Funde hinzu kommen?
Vielleicht braucht es ja ein ausgewachsenes Exemplar, um Bon seinen T. sejunctoides ausschließen zu können.
Übrigens: Beleg für spätere Nachuntersuchungen wäre vorhanden.

Viele Grüße Ingo

p.s. ich denke nicht, dass ich mit dieser Tricholoma- Gruppe in Zukunft in unserer Gegend häufiger
Kontakt haben werde. Verglichen mit diesen Vertretern sind Halsbandritterlinge geradezu Massenware.