Wie hättet Ihr da regiert? *PIC*

42, (vor 6598 Tagen)

Hallo PSVler,

eben erhielt ich schon wieder einen Anruf einer besorgten Mutter, deren
Kind (3 Jahre) im Garten ein Stück Pilz gegessen hatte (das ist in den letzten
zwei Wochen der dritte Anruf nach dem gleichen Schema). Immer kann ich
am Telefon nur sagen, dass ich ohne den Pilz nichts sagen kann/darf.

Da die jeweiligen Fälle aber immer weit weg waren (50 km und mehr), habe
ich mir jeweils die Pilze (es war tatsächlich in allen Fällen noch einzelne
Exemplare oder Stücke davon übrig) beschreiben lassen und konnte - unter
allem Vorbehalt (jedes mal eine sehr kleine Menge [1 bis 2 Gramm], gut
beschriebener Champignon, Riesenbovist und jetzt dieser Fall hier) - zur
Erleichterung der Mütter eine Lebensbedrohung ausschließen. Trotzdem
landeten die ersten beiden Fälle im Krankenhaus - leider habe ich nicht
erfahren, ob mit/ohne Magenauspumpen ...

Im gerade vorliegenden Fall wollte ich der Kleinen ein Magenauspumpen unbedingt
ersparen (sie ist mit ihrem Vater im Krankenhaus) und habe, da mir ein Photo
der restlichen Pilzstücke zugemailt werden konnte, empfohlen, auf diese
unschöne und sehr belastende Prozedur zu verzichten, da ich eine schwere
Vergiftung oder gar eine Lebensbedrohung ausschließe.

Ich bin mir bewußt, dass ich diese Empfehlung eigentlich nicht hätte aussprechen
dürfen, da mir der betreffende Pilz nicht 'live', sondern nur als Foto vorliegt.

Die Mutter hatte übrigens große Probleme, einen Pilzkundigen überhaupt als
Ansprechpartner zu finden. Ihr waren von der Giftnotrufzentrale drei
Ansprechpartner genannt worden, von denen zwei schon seit Jahren nicht mehr
zur Verfügung stehen. Der Clou war dann aber, dass sie gefragt worden sei,
wo denn der Pilz gestanden hätte und auf die Antwort 'Im Garten auf der
Wiese' gesagt wurde: 'Dann ist er nicht giftig'!

Anbei eines von drei Bildern, die ich vorhin per Mail erhalten habe.

Was hättet Ihr gemacht?

Beste Grüße
Thomas '42' Wallner

[image]

Eintrag gesperrt
9 Aufrufe

Re: Wie hättet Ihr da regiert?

Thomas Pruss, (vor 6598 Tagen) @ 42

Moin Thomas,
mit ziemlicher Beruhigung hätte ich auch auf einen essbaren Champignon getippt. Ein Gilben kann ich nicht erkennen, und die schönen rosa Lamellen tun ein Übriges.
Ich hatte das gleiche Problem: Meine Schwägerin kam aufgeregt an und erzählte, Sohnemann hätte einen kleinen braunen Pilz vom Rasen gegessen. Teilweise, nicht als Ganzes. Da der Vorfall etwa 2 Stunden her war und mein Neffe keine Anzeichen von Unwohlsein zeigte, konnte ich sie beruhigen. Der Pilz entpuppte sich dann als eine Düngerlings-Art.
Es stimmt zwar, dass es etliche giftige Arten gibt, die den Rasen im garten bevölkern können – ABER: In aller Regel sind die Pilze klein und haben einen, bezogen auf das Körpegewicht, recht geringen Giftgehalt. Und wenn dann von einem so kleinen Pilz auch nur ein Stück gegegssen wurde, kann man schon mal davon ausgehen, dass es zu keiner Vergiftung kommt. Was nicht ausschließt, dass man einen Arztbesuch empfhielt. Aber das Auspumpen den Magens empfinde ich eher als "ultima ratio", die in den seltesten Fällen notwendig ist.
Grüßlis
Thomas

Eintrag gesperrt
10 Aufrufe

Re: Wie hättet Ihr da regiert?

Harald Andres Schmid, (vor 6598 Tagen) @ 42

Hallo, Thomas

Ich habe etwa zweimal pro Jahr so einen Fall.

Z.B. ruft eine Betreuerin eines Kinderhorts an.
Ein Mädchen hätte ein Pilzchen im Rasen gegessen.
Zum Glück konnte ich immer ohne grossen Aufwand rasch vorbeigehen.

Ich mache das so:
Meine erste Intervention ist immer, Spital/Arzt zu vermeiden.
Ich sage am Telefon sie sollen warten, bis ich vorbeigekommen sei.
Aerzte arbeiten oft auf Nr. sicher, (d.h. auf ihre Sicherheit, damit man ihnen nachher nichts anhängen kann).
Das kann dann einfach vorsorgliches Magenauspumpen bedeuten.
Eine weitere Anweisung ist wichtig: dass bei kleinen Kindern kein Erbrechen provoziert wird.
Sie dehydrieren sehr schnell.
Wichtig ist die Anordnung, das Kind in Ruhe zu lassen, z.B. zum Spielen zu schicken.
Die Aengste der Erwachsenen sollten nicht auf das Kind übertragen werden.
Dies sage ich alles schon am Telefon.
Die Schwierigkeit ist dann die genaue Diagnose, was den Pilz betrifft.
Letztes Mal legten sie mir ein Pilzchen vor, mit der Angabe, von diesen Pilzchen habe das Mädchen gegessen.
Ein Nachschauen am beschriebenen Platz förderte dann noch weitere, andere Rasen-Pilzchen zu Tage.
Unklar ist oft, ob das Kind die Pilzchen wirklich geschluckt, oder wieder ausgespien hat.
Meistens sind es LBM's, die sich kaum richtig bestimmen lassen.
Das Ausschliessen der giftigen Arten scheint mir aber genügend.
Ich achte auch immer darauf, ob es vielleicht Nelkenschwindlinge dabei hat.
Nelkenschwindlinge sind häufig und könnten theoretisch, roh geschluckt, eine Blausäurevergiftung hervorrufen.

Das letzte Mal, als ich gerufen wurde, endete grotesk:
Das Mädchen wurde aus Angst, entgegen meiner telefonischen Anweisung, ins Spital gefahren.
Als ich ankam, war sie schon im Kantonsspital.
Ich nahm die Pilzchen heim, für's Mikroskop.
Als ich mit meiner Entwarnung wieder zurück in den Kinderhort kam, wartete die Ueberraschung auf mich.
Ich hätte nicht mehr kommen müssen, hiess es.
Wieso, fragte ich.
Es sei alles in Ordnung.
Wie sie das wissen könnten, fragte ich.
Das Spital hätte das Mädchen nach Hause geschickt, zu den Eltern.
Sie hätten herausgefunden, dass das Mädchen nichts habe. Es sei alles in Ordnung.
???
Nach was für Gesichtspunkten hatte die Aerztin das entschieden?
Ich hatte extra meine Handy-Nr. für sie hinterlassen.
Ich habe nie etwas von ihr gehört. Keine Nachfrage, nichts.
Da kommt man sich schon etwas überflüssig vor.
Es war immerhin mein freier Nachmittag...

Lieben Gruss, Harald Andres

Eintrag gesperrt
12 Aufrufe

Re: Wie hättet Ihr da regiert?

Blausprödler, (vor 6598 Tagen) @ 42

Hallo Thomas!

Ich hätte es ebenso gemacht. Auch ein Karbolegerling würde keine Spätfolgen verursachen sondern nur unverträgliche Magen-Darmstörungen.
Warum immer mit Kanonen geschossen wird - wie Magen auspumpen - verstehe ich auch nicht! Meist sind es „oft“ relativ harmlose Pilze.
Ich hatte letztes Jahr einen Fall, da hat einer Schönfußröhrlinge gegessen und wollte sich anschließend den Magen auspumpen lassen. Ich sah die Pilzreste und sagte, dass es nicht so schlimm werden wird und dass es ein Magen auspumpen nicht rechtfertige... und es geschah fast gar nichts – nur ein bisschen Unwohlsein über einige Stunden. Mir ist bekannt, dass es höchstens zu Magen- Darmstörungen und Durchfall kommen kann!

Herzliche Pilzgrüße aus dem östlichen Bayerwald

Wolfgang

Bayerwaldpilze

---------------------------------------------------------------------------------

Eintrag gesperrt
9 Aufrufe

Re: Wie hättet Ihr da regiert?

Till, (vor 6598 Tagen) @ Blausprödler

HAllo,

auch wir hatten vor drei Tagen einen solchen Fall. Das Wichtigste war auch hier wieder, die Eltern vor der totalen Panik zu bewahren. Die Beruhigung beginnt schon am Telefon: Können Sie noch fahren oder sind Sie zu aufgeregt? Die Pilze entpuppten sich als Mehlräslinge.

Da wir schon einmal so einen Fall hatten, bei dem ein zitternder, schweißgebadeter Familienvater hier auftauchte, der kaum noch ein vernünftiges Wort hervorbrachte, arbeiteten wir hier auch mit einem Trick: Obwohl ich den Pilz sofort erkannte, sagte ich zunächst: "Ich glaube, da kann ich Sie beruhigen" und zog mich dann für ca. 10 Minuten in mein Arbeitszimmer zurück, um das corpus delicti "zu untersuchen".

Unterdessen kümmerte sich meine Lebensgefährtin um den armen Mann bzw. das besorgte Elternpaar. Als ich dann zurückkam, hatten sich die Gemüter schon etwas beruhigt. Ich gab dann freudestrahlend "Entwarnung" - und die Leute fuhren sicher etwas weniger verkehrsgefährdend als zuvor wieder heim.

Die Panik der Eltern (und evtl. der Ärzte) ist sicher in 90 % der Fälle die größte Gefahr für das Kind.

Hat jemand überhaupt schon einmal von einem konkreten Vergiftungsfall bei Kleinkindern gehört, die im Garten einen Pilz angeknabbert haben?

GRuß, TIll

Eintrag gesperrt
13 Aufrufe

Re: Wie hättet Ihr da regiert?

42, (vor 6597 Tagen) @ Harald Andres Schmid

Hallo Harald Andres & die anderen Antworter,

Ich sage am Telefon sie sollen warten, bis ich vorbeigekommen sei.

Boah, bei Euch ist das ja sehr luxuriös geregelt! Bekommst Du dann Dein
Kilometergeld von den Betroffenen oder von der Krankenkasse? Hier bei uns
bringen die Leute die Pilze selbst oder das Krankenhaus schickt sie mit
dem Taxi (so heute nacht geschehen, aber anderer, neuer Fall)

Ich hätte nicht mehr kommen müssen, hiess es.
Wieso, fragte ich.
Es sei alles in Ordnung.
Wie sie das wissen könnten, fragte ich.
Das Spital hätte das Mädchen nach Hause geschickt, zu den Eltern.
Sie hätten herausgefunden, dass das Mädchen nichts habe. Es sei alles in
Ordnung.
???
Nach was für Gesichtspunkten hatte die Aerztin das entschieden?

Na, das ist doch ganz klar: es ist ja allgemein bekannt, dass bei gefährlichen
Pilzvergiftungen der Betroffene am ganzen Körper grüne Punkte bekommt. Und wenn
diese - wie wohl in Deinem Fall - nicht vorhanden sind, ist eben 'alles in
Ordnung'. Auch in meinem gestrigen Fall (Pilz aus dem Garten -> essbar) muss
das wohl so gewesen sein ...

Danke an alle für die Antworten!

Beste Grüße
Thomas '42' Wallner (der in den letzten 2 Wochen jetzt schon den vierten
solchen Fall hatte. Na ja, gestern ging es um eingelegte Pilze einer
erwachsenenen Russin. Dank Rudi's Hilfe + Mikroskop sind wir bei Lactarius sp.
gelandet)