Überraschung auf norddeutschem Sand

jesko, (vor 5203 Tagen)

Aus familiären Gründen habe ich die letzten Tage im norddeutschen Flachland einige Kilometer südöstlich von Bremen zugebracht. Aus meiner Leipziger Lehmkuhle schied ich freilich mit (mindestens) einem weinenden Auge, denn dort war nach der rekordverdächtigen Niederschlagsarmut im Frühjahr und Frühsommer langsam etwas Bewegung in die Blätterpilzwelt gekommen. Freilich wusste ich, dass es hier im Nordwesten mehr geregnet hatte, aber die Erfahrung lehrt, dass der Sommerpilzaspekt in den hiesigen Wäldern auf sandigen, sauren Böden sich nicht messen kann mit dem meiner Hauptsammelgebiete, des Leipziger Auwalds und der Leipziger Parks auf Lehm oder der Rekultivierungsgebiete des Braunkohletagebaus, von denen aus noch dazu die erstklassigen Muschelkalkgebiete des südlichen Sachsen-Anhalts in nur einer Stunde Autofahrt zu erreichen sind.

Nun denn, die niedersächsischen Wälder zeigten sich trotz ergiebiger Niederschläge erwartungsgemäß pilzgeizig. Am häufigsten waren noch ein paar Xerocomellus-Fruchtkörper (wahrscheinlich viel cisalpinus) zu sehen, bei denen allerdings zumeist Hypomyces chrysospermus der noch ästhetisch attraktivste Pilz war. Da habe ich mich lieber verstärkt meinen familiären Pflichten, im konkreten Fall Aufsichtspflichten, gewidmet, die unter anderem auf einem Spielplatz, der sich am Rande eines in einer aufgelassenen Tongrube eingerichteten Teiches befindet, auszuüben waren. Dank einiger stattlicher Stieleichen, die den auf dem vermoosten Sandboden spielenden Kleinen Schatten spenden, waren jedoch auch ein paar Mykorrhizapilze zu beobachten: Einen davon hatte ich hier mit Sicherheit nicht auf der Rechnung, er war für mich die Überraschung des Tages. Ein paar Täublinge, die für solche Standorte sicherlich typisch sind, habe ich gleich noch mit fotografiert und möchte sie kurz vorstellen, bevor ich den kleinen Beitrag mit einer betrüblichen Fußnote beschließe.

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Boletus aereus *PIC*

jesko, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Den Bronzeröhrling oder Schwarzhütigen Steinpilz (Boletus aereus) hätte ich auf den sauren Sandböden des norddeutschen Flachlands nicht vermutet. Die in Südeuropa häufige wärmeliebende Art ist zwar grundsätzlich bodenvage, bevorzugt in Deutschland aber eher die Kalkgebiete, die ihr anscheinend günstigere mikroklimatische Bedingungen bieten. Dieser Fund war für mich vor allem auch in Anbetracht des ansonsten eher schwachen Pilzaufkommens die Überraschung des Tages. Ob der möglicherweise am Standort abgelagerte Abraum aus der Tonförderung vor einigen Jahrzehnten eine Rolle spielt, vermag ich nicht zu beurteilen.

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Re: Boletus aereus

Axel Schilling ⌂, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Zweifellos ein schöner Fund!
Zusätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass bereits in Schatteburg (1956) von Funden aus dem Nordwestdt. Tiefland berichtet wird, so u.a. südöstl. von Bremen bei Kirchlinteln. Dass B. aereus keineswegs nur kalkige Standorte besiedelt konnte ich im Bayrischen Wald feststellen, wo er in einem eher sauren Eichen-/Fichten-Mischbestand reichlich fruktifizierte. Ganz arm mag er es sicher nicht und daher sind solche Aushebungen von Lehmkuhlen potentielle Standorte solcher im Nordwesten seltenerer Pilze. Schon im vorigen Jahrhundert pilgerten Generationen von Mykologen an ähnliche Standorte um den Seltenheiten nachzuspüren. So hat mir der längst verstorbene Bremer Mykologe Syamken einen seiner besten Plätze für basenliebende Pilzarten verraten. Es handelte sich um eine alte Aufschüttung aus dem Lauenburger Ton für eine Bahnanlage bei Oldenbüttel mit inzwischen schon gestandenen Laubbäumen, einige km nördlich von OHZ bei Bremen. Inzwischen dürfte ein Großteil des Gebiets durch eine Gewerbeansiedlung leider wieder zerstört worden sein.

Grüße,
Axel

Den Bronzeröhrling oder Schwarzhütigen Steinpilz (Boletus aereus) hätte ich
auf den sauren Sandböden des norddeutschen Flachlands nicht vermutet. Die
in Südeuropa häufige wärmeliebende Art ist zwar grundsätzlich bodenvage,
bevorzugt in Deutschland aber eher die Kalkgebiete, die ihr anscheinend
günstigere mikroklimatische Bedingungen bieten. Dieser Fund war für mich
vor allem auch in Anbetracht des ansonsten eher schwachen Pilzaufkommens
die Überraschung des Tages. Ob der möglicherweise am Standort abgelagerte
Abraum aus der Tonförderung vor einigen Jahrzehnten eine Rolle spielt,
vermag ich nicht zu beurteilen.

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Re: Boletus aereus

jesko, (vor 5203 Tagen) @ Axel Schilling

Danke, Axel, für diese informative Ergänzung. "Bei Kirchlinteln" klingt interessant, denn mein Fund stammt ebenfalls aus 3021/4.

Viele Grüße,
Jesko

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Russula virescens *PIC*

jesko, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Der Grünfelderige Täubling (Russula virescens) war gleich mit von der Partie, aber diese im Feld leicht kenntliche Art durfte man auf meinem Spielplatz bei den stattlichen Eichen ja durchaus erwarten.

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Russula parazurea *PIC*

jesko, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Abgesehen von den diversen Kammtäublingen ist der Blaugrüne Reiftäubling (Russula parazurea) die vielleicht häufigste Art, die ich hier momentan sehe, meist jedoch in unansehnlichen Einzelexemplaren. Da die Kamera schon mal ausgepackt war, wurde dieser Trupp hier gleich mit verhaftet.
Über die ökologischen Ansprüche dieses typischen Kalkfliehers hatten wir neulich hier Beitrag 224501 diskutiert.

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Russula ionochlora *PIC*

jesko, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Ich bin mal so frech und sage bereits vor dem (zu Hause gelassenen) Mikroskop, dass diese beiden Fruchtkörper hier zu Russula ionochlora gehören. Die geringe Größe, der schöne Kontrast von Lila und Grün bei den Hutfarben und die nicht gedrängten Lamellen sind abgesehen vom Habitat beste Indizien dafür, die vielleicht sogar mehr wiegen, als so manche heilige Mikrokuh, die es wohl demnächst zu schlachten gilt.

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Betrübliche Fußnote

jesko, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Ein netter Spielplatz also für kleine und große Leute. Schade nur, dass seine Verlegung bereits beschlossene Sache ist. Die auf dem Nachbargrundstück sitzende örtliche Feuerwehr will größere Einsatzfahrzeuge beschaffen, für die die gerade einmal zwanzig Jahre alten Gebäude des Nachbargrundstücks zu klein sind. Also muss ein Neubau her, und zwar direkt auf dem Spielplatz. Eine Reihe der schönen Eichen soll zwar bleiben (und angeblich durch die Baumaßnahmen keinen Schaden nehmen), und der Spielplatz wird ja schließlich verlegt. Allein mit der Verlegung oder Verlagerung der Myzelien wird es wohl ein massives Problem geben ...

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Re: Überraschung auf norddeutschem Sand

Mison, (vor 5203 Tagen) @ jesko

Moin,

das ist ja wirklich eine Überraschung! B. aereus in meinem Revier? Ich war vorgestern auch "südöstlich von Bremen" unterwegs, hab auch einige Boleten und Russulen gefunden, aber noch nie einen Schwarzhütigen. Magst Du mir - vielleicht per Mail - verraten, wo das war? Und vor allem: Bist Du noch in der Gegend? Dein Bericht klingt eher so, als ob Ihr Euch schon wieder in heimatliche Gefilde zurückgezogen habt. Falls Du Dich aber noch im NW aufhältst, könnte man vielleicht die Tage nochmal zusammen losziehen.

Gegrüßt aus Bremen,
Simon

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Re: Überraschung auf norddeutschem Sand

jesko, (vor 5203 Tagen) @ Mison

Hallo Simon,

heute morgen sind wir in der Tat wieder abgereist. Den exakten Fundort kann ich Dir gern per Mail mitteilen. Bin ohnehin kein Geheimniskrämer, was so etwas angeht. Zum Speisepilzsammeln gibt's mit Sicherheit ergiebigere Gebiete, und aereus, edulis (steht übrigens auch auf dem Spielplatz) und aestivalis schmecken für mich sowieso gleich, nur pinophilus fällt ab.

Viele Grüße, Jesko

PS: Wenn Du Dich also in der Gegend gut auskennst, kannst Du Dich ja bei Gelegenheit mal mit Infos über "Sonderstandorte" revanchieren.

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Re: Überraschung auf norddeutschem Sand

Mison, (vor 5202 Tagen) @ jesko

Hallo Jesko,

schade, dass Ihr schon wieder weg seid. Aber das klingt ja so, als ob Ihr öfter mal in die Gegend kommt. Und während ich insgesamt immer denke, hier in einem Pilzloch zu leben (geringes Artenaufkommen, kurze Saison...), so gibt es doch hier und da einige nette Plätze, die hin und wieder Überraschendes bieten. Wenn Ihr also mal wieder hier seid, sag rechtzeitig Bescheid. Dann schaun mer mal.

Und über ne Mail, die mich zum aereus führt (nein, nicht zum Verspeisen), würde ich mich natürlich freuen.

Viele Grüße,
Simon