Acromelalga-Syndrom

Boletus ⌂, (vor 8735 Tagen)

Hallo
Beim schmöckern in der SZP Nr.2 / 2002 habe ich folgenden Artikel entdeckt welcher im Zusammenhang mit Gottfried's UPO-Pilzen interessant sein dürfte:

Das Acromelalga-Syndrom - eine seltene Pilzvergiftung
Dr. med. Rene Flammer
Erstmals für Europa wurde eine seltene Pilzvergiftung beschrieben, die in Japan aber bereits seit1918 bekannt ist.

Kurzporträt der Vergiftung:
Giftpilze:
Clitocybe acromelalga, eine japanische Art (1)
Clitocybe amoenolens, der Wohlriechende Trichterling

Pilzgift:Acromelsäure, ein Glutamat-Agonist ß-cyano-L-alanin? (4)

Latenzzeit: 1 -2 Tage

Erste Symptome:Kribbeln, Brennen, Schmerzen, Schwellung und Hautrötung von intermittierendem Charakter an Händen und Füssen. Dauer der Beschwerden Tage bis Wochen.

Therapie:Bekämpfung der Schmerzen und der dadurch bedingten Schlaflosigkeit, Erschöpfung und Depression. Die quälenden und invalidisierenden Schmerzen erfordern gelegentlich hohe Dosen von starken Analgetika.

Was ist unter Acromelalgie (= Erythromelalgie) zu verstehen?
Als Akren werden die äussersten Körperteile wie Finger, Zehen, Nase, Ohren, im weiteren Sinne Hände und Füsse bezeichnet. Algie bedeutet Schmerz. Der erste Pilz, bei dem diese Vergiftung beschrieben wurde, war Clitocybe acromelalga, ein in Japan und Korea vorkommender Trichterling. Das aus diesem Pilz gewonnene Gift ist die Acromelsäure.

Zusammenfassung des Artikels von Saviuc et al. (3):
1996 erkrankten fünf Personen nach Genuss von Trichterlingen, die für Lepista inversa gehalten wurden, nach einer Latenzzeit von etwa 24 Stunden an Missempfindungen, Schmerzen, Rötung und Überwärmung der Hände und Füsse mit gelegentlichen Schwellungen (Ödemen). Die Schmerzattacken traten intermittierend auf und dauerten 30 Minuten bis 3 Stunden, wurden durch Bewegung und Wärme verstärkt, durch Kälte gelindert. Die Beschwerden verebben im Verlaufe von Tagen bis Wochen und scheinen dosisabhängig zu sein. Vor Anwendung von Eis zur Schmerzbekämpfung wird gewarnt wegen der Gefahr von Nervenschädigungen.
Die Pilze wurden von einem Sammler in einem französischen Alpental geemtet. Erst im folgenden Jahr wurde der Pilz als Clitocybe amoenolens Malencon identifiziert. Zwei analoge Fälle nach Pilzgenuss aus dem Jahr 1979 könnten ebenfalls diesem Vergiftungstyp zugeordnet werden.

Durch den Nachweis von Acromelsäure in Clitocybe amoenolens verdichtet sich der Giftverdacht zur Gewissheit. Stijve (4) vermutet, dass vielleicht auch ß-cyano-L-alanin, das in Clitocybe acromelalga nachgewiesen wurde, bei der Vergiftung mitspielen könnte.

Acromelsäure, ein Glutamat-Agonist, führt zu einer Ubererregung der sensorischen Fasern in der Peripherie (2).

Die Autoren empfehlen, wegen der grossen Ähnlichkeit einiger brauner Clitocyben vorläufig auf den Genuss von Lepista inversa und Clitocybe gibba zu verzichten. Vorsicht ist sicher angebracht bei Importpilzen aus Frankreich und andern Mittelmeerländern, zumal Clitocybe amoenolens in Marokko, Südfrankreich und im Val Maurienne (Savoyen) nachgewiesen wurde.

Für einheimische Pilze ergäbe sich erst ein Handlungsbedarf, wenn sich in Kollektionen von Fuchsigen Trichterlingen oder ihrer Doppelgänger Acromelsäure nachweisen liesse. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass dieses Syndrom bis anhin verkannt wurde. Andrerseits läge der Verdacht auf eine Pilzvergiftung auf der Hand, wenn mehrere Teilnehmer einer Pilzmahlzeit an denselben Symptomen erkrankten. Besonders interessant an diesem Fall ist die Tatsache, dass Pilze völlig unerwartete Vergiftungen auslösen können. Deshalb ist die Frage nach vorausgegangenem Pilzgenuss auch bei ungewöhnlichen Symptomen angezeigt.

Literatur

1 Nakamura K, Shoyama F, Toyama J, Tateishi K. 1987.
Empoisonnement par le Dokou-sassa-ko. Jap. J. Tox. 35-39.

2 Konno K, Haahimoto K, Ohfune Y, Shirahama H, MatsumotoT. 1988 Acromelic acids A und B. Potent neuroexcitatory amino acids isolated from Clitocybe acromelalga. J. Am. Chem. Soc. 110: 4807-4815.

3 Saviuc PF, Danel VC, Moreau PA, Guez DR, Claustre AM & al. 2001 . Erythromelalgia and mushroom poisoning. Clin. Toxicol. 39: 403-407.

4 Stijve T. 2001 . Beware of those brown Clitocybes! - a new poisonous mushroom in Europe.

Field Mycology. 2 (3); 77-79.
2002 SZP/BSM

Herzliche Grüsse
Sepp

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...und gleich nochmals ein Artikel zum Thema *PIC*

Boletus ⌂, (vor 8735 Tagen) @ Boletus

Diesmal aus der "SZP"Nr. 3 / 2002

Rund um Clitocybe acromelalga
Heinz Clemencon

Kürzlich wurden die europäischen Mykologen durch zwei Veröffentlichungen auf eine heimtückische, durch die beiden braunen Trichterlinge Clitocybe acromelalga und Clitocybe amoenolens verursachte Pilzvergiftung aufmerksam gemacht. Zunächst warnte Herr Stijve (2001 ) vor diesen Pilzen, und dann beschrieb Herr Flammer (2002) das Acromelalga-Syndrom in dieser Zeitschrift.
Dieser Artikel wurde von einem Bild von Lepista inversa begleitet, der als Doppelgänger der giftigen Clitocybe amoenolens gilt. Darauf habe ich dem Redaktor der SZP ein E-mail geschickt mit der Bemerkung, ich hätte ein Bild von Clitocybe acromelalga, allerdings kein schönes, sondern ein Laborbild. Und er bat mich, doch etwas dazu zu schreiben.
Clitocybe acromelalga wurde bereits 1918 von einem japanischen Arzt Namens Ichimura beschrieben, nach dem dieser einige Vergiftungen festgestellt hatte. Der aus der altgriechischen Sprache abgeleitete Artname ist gut gewählt und beschreibt die Vergiftungserscheinungen: acro- = Spitze (hier: Finger und Zehen), mel- = schwarz, da die Finger und Zehen dunkel rotbraun werden, alga = Schmerzen. Der Pilz wurde bald «Japans berühmter Giftpilz» (Imazeki & Hongo 1987: 67), denn er soll nach den japanischen Pilzbüchern nur in Zentral-Japan vorkommen, besonders häufig in der Nähe des Japanischen Meeres. Allerdings räumen einige Autoren ein, dass gesagt wird, er komme auch in Korea vor, aber sie scheinen nicht recht daran zu glauben.
Nationalstolz oder Misstrauen?
In Japan spielen die japanischen Pilznamen eine viel grössere Rolle als die deutschen Pilznamen bei uns. So wird (fast) jede neue Pilzart ausser mit dem wissenschaftlichen Namen auch gleich mit einem japanischen Namen vorgestellt. Da Clitocybe acromelalga meist in Bambushainen und Bambusdickichten vorkommt, ist der am meisten gebrauchte Name dokusasako; doku = Gift, sasa = Zwergbambus, ko = Kind; also etwa Gift-Zwergbambuskind, oder Zwergbambus-Giftkind. Viele Japaner glauben, dass er nur in Bambushainen und Zwergbambusdickicht wächst, aber einige Autoren räumen ein, dass er auch in Nadelwäldern angetroffen werden kann. Ein anderer Name ist yakedokin, ausgesprochen yakedo-king. Er bezieht sich auf die Vergiftungserscheinungen, yakedo = Verbrennung, kin = Pilz. Und da Clitocybe acromelalga meist im Bambusdickicht wächst, so wird er auch gelegentlich yabushimeji genannt, yabu = Dickicht, shimeji = ein Pilz mit dem Aussehen der Trichterlinge, Ritterlinge oder grösseren Rötlinge, die dann wachsen, wenn die Erde feucht geworden ist (shime- = feucht, ji oder chi = Erde).
Clitocybe acromelalga soll nicht selten sein, doch habe ich ihn wärend meines achtmonatigen Aufenthaltes in Japan nur ein einziges Mal gesehen, und das waren bereits etwas angeschlagene Exemplare, wie die fotografische Aufnahme zeigt.
Was sagen die japanischen Pilzbücher über die Vergiftungserscheinungen? Vier bis fünf Tage (nach Flammer ein bis zwei Tage) nach dem «Missessen» eines dokusasako schwellen Finger und Zehen auf, werden schwarzrot und brennen fürchterlich (im Japanischen sagt man oft «missessen» für «essen, was man nicht essen soll», so ähnlich wie im Deutschen «missbrauchen» etwa «brauchen, wie man es nicht brauchen soll» bedeutet). Die Qualen dauern bis zu einem Monat «oder auch länger», führen aber selten zum Tod. Allerdings bleiben oft Narben zurück, die an Verbrennungen erinneren sollen.
Nach diesem Abstecher nach Japan schauen wir mal nach, was Singer (1986) zur Systematik dieses Pilzes zu sagen hat. Zu meiner Überraschung reiht er ihn in seine Gattung Neoclitocybe ein, die sich von Clitocybe durch die koralloide Huthautstruktur oder durch eine im Substrat eingepfropfte Stielbasis ohne Basisfilz unterscheiden soll. Mir ist das nicht ganz geheuer, denn bei C. acromelalga finde ich weder eine koralloide Huthaut, noch eine kahle Stielbasis. Singer schreibt auch, dass die Arten der Gattung Neoclitocybe in Wäldern und meist auf Holz wachsen, aber Zwergbambus (sasa) ist ein etwa kniehohes Kraut, das baumlose Berghänge bedeckt; und der dokusasako wächst auf Erde. Die Japaner, sonst so eifrige Singer-Anhänger, sind auch bei Clitocybe geblieben.

[image]

Ergänzungen zum Bild, nach verschiedenen japanischen Autoren zusammengefasst:
Erscheinungszeit September-Oktober, selten im Frühling; meist bei Bambus, seltener in Nadelwäldern, auf Erde, bisweilen in grossen Hexenringen. Hut glatt und kahl, bei feuchtem Wetter leicht klebrig. Lamellen erst creme, dann zunehmend bräunlich. Fleisch geruch- und geschmacklos. Sporen rundlich bis eiförmig, 3-4 2-3mü; Wand glatt, inamyloid, acyanophil.
Sporenpulver weiss.
Bemerkungen: Im Bild gut sichtbar ist der kammerig-hohle Stiel, der von allen Autoren als «innen luftig» beschrieben wird. Der Hut ist auffallend dünnfleischig. Die Huthaut ist eine schwach gelatinöse Cutis aus zylindrischen, liegenden, locker verwobenen Hyphen mit Schnallen.
Literatur
Flammer, R., 2002: Das Acromelalga-Syndrom - eine seltene Pilzvergiftung. Schweiz. Z. Pilzkunde 80:55-56 (Heft 2/2002).
Imazeki, R. &T. Hongo, 1987: Colored illustrations of mushrooms of Japan Vol. 1 (Japanisch).
Singer, R., 1986: Agaricales in Modern Taxonomy. - 4. Auflage, Koeltz, Koenigstein.
Stijve, T., 2001 : Beware of those brown Clitocybes! - a new poisonous mushroom in Europe. -
Field Mycology 2:77-79

2002SZP/BSM

Gruss Sepp

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Beide sehr interessant. Danke! *oT*

Georg, (vor 8735 Tagen) @ Boletus

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